Mit Bürste, Leim und eisernem Willen: Torsten Meyers Rückkehr in den Job
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Vom Bühnentechniker zum Plakatierer: Nach seinem Unfall bleibt Torsten Meyer seiner Arbeitgeberin treu – und kümmert sich jetzt um die Theater-Werbung. Foto: Gesine Voß
Jeder Handgriff sitzt, als Torsten Meyer seinen Arbeitsplatz vor der Litfaßsäule einrichtet: Gewissenhaft prüft der 57-Jährige, ob die Holzleiter sicher steht. Noch den Kleistereimer eingehängt, die Plakatierbürste in die Stoffhalterung daneben gesteckt – und schon geht’s mit einem Plakat der Vorpommerschen Landesbühne auf die Sprossen. Bedächtig verteilt Meyer den Leim auf der Litfaßsäule, klebt das Plakat sorgfältig fest, schiebt, bis alles sitzt. Und bürstet gegen die letzten Luftblasen an. Geschafft. Wer ihm dabei zusieht, glaubt, er hätte nie etwas anderes gemacht.
Stimmt aber nicht. Acht Jahre lang war Torsten Meyer als Bühnentechniker der Landesbühne in der Region unterwegs. Bis zu seinem Unfall am 29. August 2024. An diesem Tag steht der Abbau einer Bühne an der Spielstätte in Wolgast auf dem Programm. Reine Routine, erzählt Meyer: „Wir haben Bühnenteile mit einem Kran auf einen Lkw geladen. Beim Aushängen der Kette habe ich das Gleichgewicht verloren und bin aus etwa drei Metern Höhe abgestürzt. Ich bin mit beiden Füßen auf dem Betonboden gelandet.“ Ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Eigentlich ja ganz gut, auf den Füßen zu landen, oder? In meinem Fall aber leider nicht. Das habe ich begriffen, als ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr aufstehen konnte.“
Die Rückkehr in den Job ist das Ziel
Im Wolgaster Krankenhaus folgt die Schockdiagnose: Beide Fersenbeine sind zertrümmert. Die Brüche werden im Universitätsklinikum Greifswald operiert. Da ist Eike Meier, Reha-Manager bei der VBG, schon involviert: „Als die Diagnose stand, war uns schnell klar: Bei so einer schweren Verletzung ist Reha-Management gefragt. Und es wird schwierig, den Versicherten mit einer beidseitigen Fersenbeinfraktur als Bühnentechniker wieder zu rehabilitieren.“ Doch Torsten Meyer lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, was sein Ziel ist: „Ich wollte wieder arbeiten – das war meine Motivation. Aber natürlich wusste ich, dass ich wegen der schweren Lasten nicht mehr als Bühnentechniker arbeiten kann.“
Beim Reha-Manager laufen nach dem Unfall alle Fäden zusammen: Meier führt Gespräche mit dem Versicherten und seiner Ehefrau, organisiert Gehhilfen und Rollstuhl für die Zeit nach dem Krankenhaus. Mit den Ärztinnen und Ärzten sowie den Therapeutinnen und Therapeuten bespricht er die weitere Behandlung und holt den Theater-Mitarbeiter für die stationäre Reha ins BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin.
Parallel nimmt Meier Kontakt zu Katrin Preuß auf. Die Verwaltungsleiterin der Vorpommerschen Landesbühne sucht bereits nach einer Lösung, damit Torsten Meyer weiter im Team bleiben kann – und findet sie: „Wir brauchten ja eine körperlich leichtere Alternative zum Bühnentechnik-Bereich, und wir wollten, dass Herr Meyer in unserem Betrieb bleiben kann. Da passte es gut, dass er schon immer mal in den Sommermonaten als Plakatierer ausgeholfen hatte und ein Kollege in Rente ging“, sagt Preuß.

Stehen Torsten Meyer zur Seite: Katrin Preuß von der Vorpommerschen Landesbühne und VBG-Experte Eike Meier (rechts). Foto: Gesine Voß
Arbeitstherapeutin hilft beim Wiedereinstieg
Im Rahmen des Betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM), an dem sowohl VBG-Präventionsexpertinnen und -experten als auch der Reha-Manager beteiligt sind, wird entschieden, eine externe Arbeitstherapeutin ins Boot zu holen. Sie unterstützt bei der stufenweisen Wiedereingliederung, prüft Arbeitsergonomie und -belastung. Ein 5-Liter- statt 10-Liter-Kleistereimer, eine Weichpolstermatte, um die Füße zu entlasten, während der Plakatierer die Werbepappen im Betrieb vorbereitet, sowie spezielle, an die Bedürfnisse de Versicherten angepasste Arbeitssicherheitsschuhe mit besonderen Einlegesohlen erleichtern Torsten Meyer die Rückkehr in den Job. Seit Anfang August 2025 ist er wieder voll im Einsatz für die Vorpommersche Landesbühne – und freut sich über freie Wochenenden, die während seiner Zeit als Bühnentechniker gerade im Sommer selten waren. Auch wenn es immer mal Tage gibt, an denen die Schmerzen viel Kraft kosten.

Netzwerker: Als Reha-Manager begleitet Eike Meier Versicherte nach Unfällen zurück ins Leben. Foto: Gesine Voß
Viele Herausforderungen waren für die erfolgreiche Rückkehr zu meistern – auch für seinen Reha-Manager, der beeindruckt ist, dass der Versicherte nie den Fokus verlor. „Wir haben einfach Stück für Stück geschaut, was möglich ist.“ Dass auch die Versorgung mit den maßgeschneiderten Arbeitssicherheitsschuhen nach vielen Verzögerungen am Ende gelang, sei eine Folge der Netzwerkarbeit, die gerade in ländlichen Regionen wie Anklam unbezahlbar ist, sagt Meier. Diese habe perfekt funktioniert: „Wir waren die Lotsen. Aber geschafft hat es Herr Meyer mit seinem eisernen Willen. Dass jemand nach so einem Unfall wieder in die körperliche Arbeit zurückkehrt, ist alles andere als selbstverständlich.“
Aktuell prüft die VBG die Umrüstung seines Dienstwagens auf ein Automatikgetriebe, damit Torsten Meyer beschwerdefreier fahren kann, wenn er rund um Anklam und auf Usedom Plakate klebt und Werbepappen aufstellt. Denn auch wenn die Schmerzen wohl nie ganz verschwinden werden – Torsten Meyer steht wieder fest im (Arbeits-)Leben. Die nächste Litfaßsäule wartet schon.
Zurück ins Leben: Das Reha-Management der VBG
Die VBG hat den gesetzlichen Auftrag, die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit von Versicherten nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit mit allen geeigneten Mitteln wiederherzustellen. Gleichzeitig schützt die gesetzliche Unfallversicherung Unternehmen und Beschäftigte vor den daraus resultierenden Kosten.
Als zentrale Lotsen begleiten die Reha-Managerinnen und -Manager der VBG die Betroffenen von Anfang an. Sie nehmen schnell Kontakt auf, bewerten die individuelle Lage und entwickeln gemeinsam mit den Verletzten sowie den behandelnden Ärztinnen und Ärzten die passende Strategie. Innerhalb von 30 Tagen wird dieser Weg in einem verbindlichen Reha- und Teilhabeplan verankert.
Das Reha-Management steuert und koordiniert alle Folgemaßnahmen bis zur erfolgreichen Rückkehr in den Beruf. Sechs Monate nach Erreichen der Reha-Ziele erfolgt eine erneute Kontaktaufnahme, um den langfristigen Erfolg im Arbeitsalltag zu sichern.
Mehr über das Reha-Management erfahren Sie auf der VBG-Website. Dort finden Sie außerdem Informationen zur Gefährdungsbeurteilung. Die neue VBG-Seite zu Absturzunfällen bietet einen kompakten Einstieg in typische Absturzgefahren und zeigt, wie sich Risiken im Arbeitsalltag wirksam vermeiden lassen.
Neugierig auf einen weiteren Absturzunfall? In Folge 5 unseres Certo-Podcasts „WORKlich?!“ erzählen wir, wie eine vermeintlich harmlose Arbeitspause mit einem fünf Meter tiefen Sturz durch eine ungesicherte Lichtkuppel endete. Und warum das Gericht den Unfall letztlich als reine Privatsache einstufte.