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Wo finden Beschäftigte und Unternehmen professionelle Hilfe bei psychischen Problemen?

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Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz ist eine gemeinsame Aufgabe, doch manchmal reichen Prävention und kollegiale Unterstützung nicht aus. Wenn eine akute Krise eintritt oder chronische Belastung professionelle Hilfe erfordert, ist es für Beschäftigte und Unternehmen entscheidend, die richtigen Anlaufstellen zu kennen. Diese reichen von betriebsinternen Ansprechpersonen über externe Beratungs- und Informationsangebote bis hin zu institutioneller Unterstützung. Hier finden Sie ein zentrales, kuratiertes Verzeichnis, um schnell und sicher die notwendige Hilfe zu erhalten.

An welche internen Anlaufstellen können sich Beschäftigte bei psychischen Problemen wenden?

Die einfachste und oft schnellste Hilfe finden Beschäftigte direkt im Betrieb. Diese Ansprechpartnerinnen und -partner sind zur Vertraulichkeit verpflichtet und können erste Orientierung bieten, ohne dass sofort eine Diagnose oder Therapie erforderlich ist:

  • Die direkte Führungskraft: Bei arbeitsplatzbezogenen Belastungen bietet sich ein erstes Gespräch mit der oder dem Vorgesetzten an. Gemeinsam können organisatorische Entlastungen (etwa Anpassung der Aufgaben, flexible Arbeitszeiten) vereinbart oder weitere Schritte besprochen werden.
  • Betriebsrat oder Personalrat: Als Interessenvertretung der Beschäftigten können sie bei Konflikten am Arbeitsplatz vermitteln und auf die Einhaltung von Schutzmaßnahmen (z. B. beim Thema Arbeitszeit) achten.
  • Betriebsärztin oder Betriebsarzt: Sie sind neutrale, medizinische Ansprechpersonen, unterliegen nach Arbeitssicherheitsgesetz (§ 8 Abs. 1 ASiG) der ärztlichen Schweigepflicht und können Belastungen einschätzen sowie bei Bedarf zu weiterführenden Hilfsangeboten beraten.
  • Betriebliche Sozialberatung/Gesundheitsmanagement: Diese internen Expertinnen und Experten sind oft speziell für psychosoziale Themen geschult und können vertrauliche Einzelgespräche anbieten, die zur Klärung und Strukturierung der nächsten Schritte dienen.
  • Interne Vertrauenspersonen/Peers: Einige Unternehmen schulen Mitarbeitende als Ansprechpersonen, die erste Gespräche führen und den Kontakt zu professioneller Hilfe herstellen können. Auch sie sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Gut zu wissen: Wie unterscheiden sich Ärztliche Schweigepflicht und Betriebliche Vertraulichkeit?

Die Ärztliche Schweigepflicht verpflichtet nach § 203 StGB Personengruppen wie Betriebsärztinnen und -ärzte, aus der Psychotherapie oder EAP-Beratung dazu, ihnen anvertraute Informationen streng vertraulich zu behandeln – auch gegenüber der oder dem Arbeitgebenden. Die Betriebliche Vertraulichkeit (z. B. bei Vorgesetzten oder dem Betriebsrat) ist eine wichtige Zusage, basiert aber nicht auf gesetzlichem Schutz, sondern auf internen Vereinbarungen. Sie bietet daher weniger rechtlichen Schutz als die Schweigepflicht.

Wo finden Beschäftigte externe Unterstützung bei psychischen Problemen?

Es gibt zahlreiche spezialisierte, vertrauenswürdige Anlaufstellen außerhalb von Unternehmen, die langfristige Beratung, Informationen und Therapievermittlung anbieten. Die wichtigsten finden Sie in dieser Übersicht:

Deutsche Depressionshilfe

Angebot und Zielgruppe

Informationen, Selbsttests und Hilfsangebote zu Depressionen und manisch-depressiven Erkrankungen. Die Depressionshilfe bietet ein bundesweites Verzeichnis von Klinik- und Beratungsadressen sowie Forschungsergebnisse. Das Angebot richtet sich an Betroffene, Angehörige und Fachkreise.

Relevanz

Zur ersten Orientierung: Die zentrale Anlaufstelle zur Faktenklärung und zur systematischen Suche nach regionalen Therapie- und Beratungsangeboten in Deutschland. Kein Therapieangebot.

Kontakt und weiterführende Informationen

Website: deutsche-depressionshilfe.de
Info-Telefon: 0800/33 44 515

psychenet.de

Angebot und Zielgruppe

Umfassendes Netzwerk mit nationaler Relevanz für psychische Gesundheit. Bietet ein Verzeichnis von regionalen Hilfsangeboten, Selbsthilfe und wissenschaftlich fundierte Fachinformationen zu verschiedenen Störungsbildern.

Relevanz

Zentrale Informationsplattform: Dient als kuratierte Suchmaschine zur schnellen, faktenbasierten Suche nach regionaler Hilfe, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Kliniken. Ideal zur Orientierung in der Frühphase der Belastung.

Kontakt und weiterführende Informationen

Website: psychenet.de
Regionale Kontaktdaten über die Suchfunktion auf der Website.

Wohlfahrtsverbände

Angebot und Zielgruppe

Bieten allgemeine Sozial- und Lebensberatung sowie spezifische psychosoziale Dienste, Schuldenberatung und Suchtberatung. Unterstützen bei der Bewältigung von Problemen, die oft begleitend zu psychischen Belastungen auftreten.

Relevanz

Niederschwellige Beratung: Bieten oft kostenfreie, kurzfristige Beratungsgespräche an, die bei der Klärung von sozialen, finanziellen oder familiären Problemen in Krisenzeiten helfen können.

Kontakt und weiterführende Informationen

Suche nach der nächstgelegenen Beratungsstelle über die jeweilige Website der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege:

Arbeiterwohlfahrt: awo.de
Deutscher Caritasverband: Caritas.de
Diakonisches Werk: Diakonie.de
Der Paritätische: paritaet.org
Deutsches Rotes Kreuz: drk.de
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: zwst.org

Kassenärztliche Vereinigung (KV)

Angebot und Zielgruppe

Der offizielle Vermittlungsdienst für Termine bei Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Fachärztinnen und -ärzten und Akutbehandlungen in Deutschland. Die KV stellt sicher, dass gesetzlich Versicherte zeitnah einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde erhalten.

Relevanz

Therapievermittlung: Der erste obligatorische Schritt für alle gesetzlich Versicherten, die eine psychotherapeutische Behandlung beginnen möchten.

Kontakt und weiterführende Informationen

Telefonische Terminservicestelle: 116 117
Website: 116117-termine.de

Berufspsychologischer Service der Bundesagentur für Arbeit (BPS)

Angebot und Zielgruppe

Bietet psychologische Unterstützung für Personen, deren psychische oder gesundheitliche Probleme die berufliche Eingliederung oder die Stabilität im Job gefährden. Unterstützt bei der beruflichen Neuorientierung oder Wiedereingliederung.

Relevanz

Berufsbezogene Rehabilitation: Wichtig für langzeiterkrankte Beschäftigte oder bei drohender Arbeitslosigkeit aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen. Hilft bei der Klärung von Leistungseinschränkungen.

Kontakt und weiterführende Informationen

Kontakt über die örtliche Agentur für Arbeit oder das Jobcenter.
Website BPS: arbeitsagentur.de

Wo finden Beschäftigte schnelle Hilfe in Notsituationen?

Wenn eine akute psychische Krise auftritt (z. B. Suizidgedanken, Panikattacken), besteht dringender Handlungsbedarf und es ist sofortige Hilfe notwendig. Für eine akute Krisenintervention stehen verschiedene Dienste zur Verfügung, die rund um die Uhr kostenfrei erreichbar sind. Hier finden Sie eine Übersicht der wichtigsten Anlaufstellen:

Telefonseelsorge

Angebot und Zielgruppe

Anonyme, kostenfreie und vertrauliche Beratung bei Lebenskrisen, Suizidalität oder psychischen Belastungen.

Relevanz

Wichtige und niedrigschwellige Anlaufstelle in akuten emotionalen Notsituationen oder bei Suizidgedanken. Es wird keine Diagnose gestellt.

Kontakt und weiterführende Informationen

Hotline: 116 123 oder 0800/1110111 (Evangelische Seelsorge) oder 0800/1110222 (Katholische Seelsorge)
Website: telefonseelsorge.de

Ärztlicher Bereitschaftsdienst

Angebot und Zielgruppe

Medizinische Hilfe bei Erkrankungen, deren Behandlung nicht aufgeschoben werden kann. Kann bei akuten psychischen Krisen weiterleiten.

Relevanz

Medizinische Klärung bei dringenden gesundheitlichen Beschwerden (z. B. Panikattacken oder akuter Erschöpfung), die keinen Notarzt erfordern.

Kontakt und weiterführende Informationen

Hotline: 116 117
Website: 116117.de

Notruf

Angebot und Zielgruppe

Lebensrettende Hilfe bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung (z. B. unmittelbar drohendem Suizid) oder schweren Unfällen.

Relevanz

Muss bei lebensbedrohlichen Krisen immer zuerst kontaktiert werden.

Kontakt und weiterführende Informationen

Notruf: 112

Regionale Krisendienste / Sozialpsychiatrische Dienste

Angebot und Zielgruppe

Bieten direkte, regionale psychologische Krisenberatung und -intervention an (telefonisch und oft auch vor Ort). Ziel ist die Stabilisierung und die Organisation der nächsten Schritte.

Relevanz

Ideal, wenn eine telefonische Beratung nicht ausreicht und eine persönliche Einschätzung in der Nähe des Wohnorts benötigt wird.

Kontakt und weiterführende Informationen

Individuelle Websuche nach Bundesland/Stadt, z. B. „Psychosoziale Krisendienste Berlin“

 

Welche Angebote gibt es für Unternehmen?

Für Unternehmen existieren verschiedene externe Partner, um ihren gesetzlichen Pflichten nachzukommen, die psychische Gesundheit der Beschäftigten zu fördern und diese nach längerer Krankheit erfolgreich wieder einzugliedern. Diese Angebote richten sich an Arbeitgebende, Führungskräfte und interne Gesundheitsfachkräfte.

Berufsgenossenschaften (z. B. VBG)

Angebot und Zielgruppe

Als Trägerinnen der gesetzlichen Unfallversicherung und Expertinnen für Prävention und Rehabilitation bieten Berufsgenossenschaften kostenfreie Unterstützung bei der Gefährdungsbeurteilung, Schulungen, Seminare und spezielle Programme (z. B. nach traumatischen Ereignissen).

Relevanz

Berufsgenossenschaften sind wichtige Partnerinnen zur Erfüllung der gesetzlichen Arbeitsschutzpflichten und zur Nutzung wissenschaftlich fundierter, branchenspezifischer Präventionsinstrumente.

Kontakt und weiterführende Informationen

Kontakt über die zuständige Bezirksverwaltung oder das Online-Portal der jeweiligen Berufsgenossenschaft.

Externe Mitarbeiterberatung (EAP)

Angebot und Zielgruppe

Vertrauliche, oft rund um die Uhr erreichbare Beratung für Beschäftigte zu psychischen, beruflichen, rechtlichen oder sozialen Themen durch externe Fachkräfte. Wird von Arbeitgebenden eingekauft und ist für Beschäftigte anonym und kostenfrei.

Relevanz

Dient der frühen Entlastung von Führungskräften und bietet Mitarbeitenden einen niedrigschwelligen, neutralen Support, bevor aus Belastung eine Erkrankung wird. Unterstützt die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF).

Kontakt und weiterführende Informationen

Wird meist über eine interne Hotline des jeweiligen EAP-Anbieters bereitgestellt.

Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA)

Angebot und Zielgruppe

Eine Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Bietet kostenfreie Handlungshilfen, Checklisten und Praxisbeispiele zur gesunden Arbeitsgestaltung, zur Arbeitsorganisation und zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM).

Relevanz

Stellt wissenschaftlich fundierte und erprobte Tools bereit, um die psychische Gesundheit präventiv zu stärken. Ideal für Führungskräfte und BGM-Verantwortliche zur direkten Anwendung.

Kontakt und weiterführende Informationen

Website: inqa.de

Gesetzliche Krankenkassen (GKV)

Angebot und Zielgruppe

Bieten Basisleistungen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) an (z. B. Kurse zu Stressmanagement und Entspannung). Unternehmen können oft finanzielle Förderung oder kostenlose Beratung zur Implementierung von BGF-Maßnahmen erhalten.

Relevanz

Wichtige Partner zur Teilfinanzierung von Präventionsmaßnahmen, die den §§ 20 und 20a SGB V entsprechen. Die GKV hilft bei der Gestaltung und Evaluation der Maßnahmen.

Kontakt und weiterführende Informationen

Kontakt: Ansprechpersonen für BGF bei der Krankenkasse, bei der die meisten Beschäftigten versichert sind.

Checkliste: Wie können Beschäftigte die Angebote optimal nutzen?

In einer psychischen Belastungssituation gilt es, schnell handlungsfähig zu bleiben. Mit dieser Checkliste finden Beschäftigte unkompliziert ihren Weg zum passenden Hilfsangebot:

  • Vertraulichkeit klären: Machen Sie sich bewusst, welche Stellen (Betriebsärzte, Sozialberatung, EAP) der Schweigepflicht unterliegen und welche nicht (Vorgesetzte, Personalabteilung).
  • Anonymität wählen: Bei Unsicherheit oder Angst vor Stigmatisierung nutzen Sie zuerst die Telefonseelsorge oder Ihre EAP-Hotline, da diese Dienste vollständig anonym arbeiten.
  • Dringlichkeit bewerten: Bei Suizidgedanken oder akuter Gefahr wählen Sie sofort die 112. In allen anderen dringenden Fällen außerhalb der Praxiszeiten kontaktieren Sie die 116117.
  • Strukturiert suchen: Nutzen Sie die Verzeichnisse der Deutschen Depressionshilfe oder von psychenet.de, um sich einen Überblick über regionale Beratungsstellen und Kliniken zu verschaffen.
  • Offiziellen Weg gehen: Für den Beginn einer Psychotherapie ist der Kontakt zur Terminservicestelle (116 117) oder die Kontaktaufnahme zur Krankenkasse notwendig.

Weiterführende Quellen und Fachinformationen:

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