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Foto: VBG/Firat Kara

Kosten sparen durch NachhaltigkeitDie Krise als Chance

Prof. Dr. Maximilian Gege weiß: Insbesondere nach Krisen sind Unternehmen auf der Suche nach neuen Ideen, die ihnen zurück zu gewohnter Stärke und Stabilität verhelfen. Seine Lösung: eine nachhaltige Unternehmensausrichtung.

Herr Prof. Dr. Gege, Sie beschäftigen sich seit 40 Jahren damit, Unternehmen für Nachhaltigkeit zu begeistern. Können Sie uns Ihre persönliche Definition dieses mittler­weile fast inflationär gebrauchten Begriffs geben?
Unternehmen, die am Markt langfristig erfolg­reich bleiben wollen, müssen heute verstärkt darüber nach­denken, wie sie sich nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial und ökologisch engagieren können. Dabei gilt es, die natürlichen Lebens­grund­lagen zu erhalten und so die Lebens­chancen heutiger und zukünftiger Generationen welt­weit zu bewahren. Nachhaltigkeit bedeutet gelebte Zukunfts­verantwortung. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben über den Fort­bestand ihres Unternehmens hinaus ein Interesse daran, ihren Beschäftigten und deren Familien ein gutes Leben zu sichern. Wer „nachhaltig“ wirtschaftet, setzt sich für die Zukunfts­sicherung der Gesellschaft ein und garantiert so auch lang­fristig Markt­erfolg.

Prof. Dr. Maximilian Gege, Gründer B.A.U.M. e. V.

Prof. Dr. Maximilian Gege gründete 1984 B.A.U.M. e. V., das größte Unternehmens­netz­werk für nachhaltiges Wirtschaften in Europa. Er ist Mitglied in zahl­reichen inter­nationalen Gremien.

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Sie gelten als einer der prominentesten Vertreter einer neuen Unternehmens­ethik. Was ist der erste Schritt für Unternehmen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit öffnen wollen?
Ein Unternehmen besteht wie der Mensch aus mehreren Organen. Wir empfehlen am Anfang immer eine konstruktive Bestands­auf­nahme. Hierfür gibt es verschiedene Verfahren und Standards. Die 2015 von der Welt­gemeinschaft verabschiedeten „Sustainable Development Goals“ (SDG) gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung. Unsere dies­bezügliche Beratung wird zumindest von immer mehr Unternehmen angefragt. Der Stand der betrieblichen Nachhaltigkeit kann anhand der 17 Ziele mit einem ganzheitlichen Anspruch fest­gestellt und bewertet werden. Ganz wichtig ist dabei: Es macht keinen Sinn, wenn das Management die Ansage macht, dass jetzt nach­haltiger gewirtschaftet werden soll. Man muss das Team auf diese Reise mitnehmen. Am besten mit sehr klaren Ziel­vorgaben, wie etwa: „Wir möchten unsere Energie­kosten im kommenden Jahr um 20 Prozent reduzieren.“

Vielerorts heißt es, in Pandemie­zeiten hätten Unternehmen erst recht nicht genügend Geld, um Klima­schutz zu betreiben oder ihrer sozialen Verantwortung nach­zu­kommen. Sie vertreten seit Jahren die These, dass Nachhaltigkeit Kosten spart, und haben dazu mehrere Bücher veröffentlicht. Wo liegen die größten Einspar­potenziale?
Die vielfach geforderte Energie­wende erfordert nicht nur eine intensivere Nutzung der erneuerbaren Energien. Sie ist nur zu erreichen, wenn auch der Energie­verbrauch deutlich sinkt und endlich alle schon heute möglichen Energie­effizienz-Maßnahmen umfassend realisiert werden. Das Geld liegt in Fabrik­hallen, Büros und Rechen­zentren, aber niemand hebt es auf. Investitionen im Bereich Energie- und Ressourcen­effizienz, zum Beispiel Druck­luft, Kühlung, Abwärme­nutzung und insbesondere Beleuchtung, sparen so viel Energie ein, dass sich manche nach zwei Jahren schon amortisiert haben.

Große Unternehmen verfügen häufig über Nach­haltig­keits­abteilungen mit mehreren auf Klima­schutz und soziale Fragen spezialisierten Beschäftigten. Was empfehlen Sie kleinen Unternehmen, die nicht über derartige personelle Ressourcen verfügen, oder Unternehmen, die nichts produzieren, sondern ganz gewöhnliche Büros betreiben?
Rund 18 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland im Büro. Der Impact eines einzelnen Büros wirkt erst einmal unproblematisch. Betrachtet man aber die Umwelt­belastungen aller Büros in Deutschland insgesamt, sind diese enorm. Daten unseres Wettbewerbs „Büro & Umwelt“ zufolge verbrauchen die Deutschen im Jahr durch­schnittlich 250 Kilo­gramm Papier pro Kopf, wofür wir täglich rund 0,75 Kilo­gramm Holz benötigen. In deutschen Büros werden schätzungs­weise 800.000 Tonnen Papier pro Jahr eingesetzt. Papier ist aber nicht das Einzige, was in Büros massen­weise verwendet wird. Vier Prozent der globalen Treib­haus­gas­emissionen werden durch digitale Medien verursacht. Laut dem Bundes­ministerium für wirtschaftliche Zusammen­arbeit und Entwicklung (BMZ) sind im Jahr 2018 welt­weit schätzungs­weise 50 Millionen Tonnen Elektro­schrott angefallen. Aufbereitete Hardware beispiels­weise kann dazu beitragen, dass bis zu 80 Prozent der für die Produktion nötigen Energie eingespart werden können. Gleichzeitig ist sie viel günstiger.

Diese Krise könnte einen Wandlungsprozess einleiten, indem wir eine neue, ganzheitliche Perspektive auf unsere Welt gewinnen.
Prof. Dr. Maximilian Gege,Vorsitzender B.A.U.M.

Wer seine Prozesse umstellt, hat also für die Zukunft vorgesorgt?
Leider ist das nur die eine Seite der Medaille. Unternehmen müssen auch ihre Geschäfts­modelle kritisch unter die Lupe nehmen. Wer immer noch darauf beharrt, dass ihr oder sein Unternehmen jährlich fünf Prozent mehr umsetzen muss, argumentiert realitäts­fern. Die Welt ist endlich, die Ressourcen sind endlich, und wir sind bereits an die Grenzen gestoßen. Das heißt, wir müssen überlegen, wie wir ein qualitatives Wachstum bekommen, um das quantitative Wachstum länger­fristig zu eliminieren.

Sie betreiben auch ein Projekt mit dem Titel „Digitalisierung und Nach­haltig­keit“. Sind das nicht Gegen­sätze?
Wir fragen uns, wie die Digitalisierung für eine lebens­werte Zukunft genutzt werden kann – ökologisch, sozial, ethisch und ökonomisch wertvoll. Manche Unternehmen können durch eine intelligente Daten­vernetzung Büro­material in Höhe von 30 Prozent des Gesamt­bedarfs einsparen. Auch das Internet der Dinge kann eine Chance für mehr Nach­haltig­keit sein. Dabei dürfen wir die soziale Komponente der Nach­haltig­keit nicht außer Acht lassen. Viele Jobs fallen weg. Algorithmen ersetzen Menschen. Arbeit muss neu organisiert, strukturiert und verändert werden. Die Corona­krise hat uns gezeigt: Unternehmen, welche Homeoffice vor Kurzem noch für unvorstellbar hielten, haben nun erlebt, wie es von einem Tag auf den anderen doch möglich wird. Wer nicht täglich zur Arbeit pendeln muss, spart durch­schnittlich 15 Tonnen CO2 und eine Woche Lebens­zeit pro Jahr. Laut einer aktuellen Studie könnten in der Europäischen Union pro Jahr rund 22 Millionen Tonnen CO2-Emissionen eingespart werden, wenn Video­konferenzen nur 20 Prozent der vorgesehenen Geschäfts­reisen ersetzen würden. Das ist nach­haltiger und würde wiederum erhebliche Kosten sparen.

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