Die Mutmacherin
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Menschen mit einer Behinderung zu beschäftigen, muss zur Normalität werden: Das fordert Nadine Schönwald, Führungskraft bei der Adecco Gruppe und Vorstandsmitglied des UnternehmensForums, einer Arbeitgeberinitiative für mehr Teilhabe. (Foto: VBG/Marko Seifert)
Zu Gast im Homeoffice von Nadine Schönwald. Freundlich-zugewandt lächelt die sympathische Oberhausenerin im Video-Call in die Kamera. Wir haben Glück, erwischen sie zwischen zwei Dienstreisen. „Nächste Woche geht es zum Inklusionsgipfel nach Indonesien“, erzählt die 44-Jährige, die in einem kleinen Dorf am Niederrhein großgeworden ist. Schnell wird klar, was ihr Herzensthema ist: die Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Weil sie aus eigener Erfahrung weiß, wie wichtig es ist, dass sich etwas bewegt – und Inklusion endlich wird, was sie sein sollte: selbstverständlich.
Ihre eigene Schwerbehinderung ist für sie Alltag, seit sie denken kann. „Ich hatte direkt nach der Geburt eine schwere Knochenmarkinfektion. In der Folge musste ich sehr oft operiert werden, weil meine Knochen Fehlstellungen hatten und ich ja noch gewachsen bin.“ 25 Operationen sind es bis heute – für mehr Mobilität im Alltag. Das prägt, sagt die Mutter einer Tochter: „Nach jeder OP musste ich von Null anfangen und mich immer wieder neu motivieren. Ich denke, dadurch ist mein Durchhaltevermögen ausgeprägter als bei anderen. Und ich bin resilienter.“
Treppen steigen, etwas vom Boden aufheben oder im Supermarkt die oberen Regale erreichen: Einige Dinge können für Nadine Schönwald aufgrund ihrer Gehbehinderung und ihrer Körpergroße von 1,45 Metern zur Herausforderung werden. In ihrem Büro bei der Adecco Gruppe ist alles perfekt auf die Bedürfnisse der Head of Digital Sales and Client Engagement zugeschnitten. So sind zum Beispiel alle Regale in Reichweite. Und die Kolleginnen und Kollegen wissen Bescheid, dass sie sich meldet, wenn sie Hilfe braucht. Zum Beispiel, wenn der Koffer auf Dienstreise ins Gepäcknetz muss? „Nein, das schaffe ich allein, weil ich von vornherein einen kleinen Koffer mitnehme.“
Grundsätzlich versuche sie, Situationen zu vermeiden, in denen sie um Hilfe bitten muss – „weil ich mir gern meine Selbstständigkeit erhalte“, sagt Nadine Schönwald mit Nachdruck. Kreative Lösungen finden – ob im Umgang mit der eigenen Situation oder mit Kundinnen und Kunden: Für die Vertrieblerin, die in ihrer Freizeit malt und häkelt, ist das genau das Richtige. Ihren Job hat sie sich ausgesucht, weil er zu ihren körperlichen Voraussetzungen passt. Aktuell baut sie den Social-Media-Auftritt des Personaldienstleisters auf. Warum sie jeden Tag gern zur Arbeit geht? „Ich mag den Austausch. Und ich mag es, eine Aufgabe zu haben, die mir Spaß macht, und einen Beitrag zu leisten. Gerade für Menschen mit Behinderung ist das besonders wichtig.“
Was sie auszeichnet: ihre Gelassenheit. Stress bei der Arbeit? Eher selten, sagt sie. „Stress ist für mich nicht ‚Ich muss in vier Stunden eine Präsentation machen‘, sondern Stress ist für mich, wenn ich nach einer OP wach wurde und der Arzt sagte: ‚Das Bein ist gelähmt und wir wissen nicht, ob die Lähmung wieder weggeht.‘“ Die Relationen ändern sich. Ihre Führungsrolle bei der Adecco Gruppe hat sie bereits seit 16 Jahren. Mit ihrer Behinderung geht sie offen um – aber macht sie nicht zum Thema. „Meine Kolleginnen und Kollegen nehmen mich nicht als Person mit Behinderung wahr. Denn meine Einschränkungen sind ja auch weniger sichtbar und damit nicht so präsent.“
In manchen Phasen könne es im Job auch mal schwierig werden, erzählt sie – zum Beispiel, wenn die chronischen Schmerzen Tag und Nacht bestimmen. Für sie sei das ein persönliches und sensibles Thema: „Dann muss man schon mal was von sich preisgeben. Das mache ich dann auch, sage, wie es mir geht. Damit es keine Missverständnisse gibt, Kolleginnen oder Kollegen zum Beispiel etwas auf sich beziehen, was gar nichts mit ihnen zu tun hat.“
Offenheit für ein menschlicheres Miteinander – für Nadine Schönwald ist das der Schlüssel. „Spreche ich zum Beispiel über Schmerzen, die mich wachgehalten haben, sind auch die anderen Mitarbeitenden offen mir gegenüber. Das wird dann nicht als Schwäche gesehen, sondern sorgt für Verständnis.“ Authentisch sein macht für sie den Unterschied in der Führung – und Mitgefühl: „Man ist empathischer, achtet mehr auf seine Umwelt und die Bedürfnisse der Kolleginnen und Kollegen. Gleichzeitig ist man nachsichtiger. Ich sage immer: Man kann Leistung erbringen und trotzdem gleichzeitig schwach sein.“
Ihre Stärken im Job zu zeigen, war gerade zu Beginn ihrer Karriere nicht einfach. Kam die Behinderung im Bewerbungsschreiben vor, gab es Absagen. Wurde sie nicht erwähnt, folgten Einladungen zum Gespräch – und dann meist die Absage, wenn die gelernte Bankkauffrau ihre Einschränkungen ansprach. „Ich musste immer erst beweisen: Ich bin belastbar. Und musste hart für eine gewisse Wertschätzung und für den Respekt arbeiten. Hatte ich dann gezeigt, dass ich leistungsfähig bin, war es auch kein Thema mehr.“ Musste sie mehr leisten als andere, um ihre Führungsposition zu bekommen? „Ja, ich glaube schon.“ Nadine Schönwald denkt nach. „Ich musste es aktiv einfordern.“ Jetzt spiele ihre Behinderung keine Rolle mehr. „Das Team geht so mit mir um, wie mit anderen Kolleginnen und Kollegen auch. Ich bringe ja meine Leistung wie jeder andere auch.“

Mutmacherin und Role Model: Nadine Schönwald engagiert sich als Inklusionsbeauftragte für mehr Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung.(Foto: VBG/Marko Seifert)
Ihr Ziel hat die Inklusionsbeauftragte bei der Adecco Gruppe, die sich auch auf Social Media sowie als Speakerin und Buchautorin für mehr Teilhabe stark macht, immer vor Augen: Behinderung in der Arbeitswelt muss normal werden. „Klar sind Dinge für mich anstrengender, klar habe ich auch Schwierigkeiten, klar gibt es Dinge, die ich nicht kann, aber die hat ja jeder andere Mensch auch – mehr oder weniger. Und da geht es darum, Lösungen zu finden.“ Gerade Führungskräfte mit einer Behinderung könnten hier zum Role Model werden und anderen Mut machen. Ein Lächeln fliegt über ihr Gesicht, als sie sich an die Nachricht einer jungen Studentin erinnert, die einen Rollstuhl nutzt: „Du bist ein Vorbild für mich. Ich möchte auch später in Führung gehen. Ich finde toll, was du machst.“
Ihr Appell an Unternehmen und Führungskräfte? Mit den Beschäftigten sprechen, die eine Behinderung haben – und denen eine Stimme geben, die weniger repräsentiert sind im Betrieb. „Fragen Sie sich: Wie inklusiv ist Ihr Unternehmen? Wie inklusiv ist der Rekrutierungsprozess? Gibt es einen Inklusionsbeauftragten?“, rät Nadine Schönwald. Denn: Inklusion ist ein Menschenrecht. Und ein Gewinn für Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen. Es gibt noch viel zu tun.
Eine barrierefreie Arbeitsumgebung ist die erste Bedingung, den Führungsalltag mit einer Behinderung zu meistern. Nadine Schönwald gibt Tipps, was außerdem helfen kann.
1. Finden Sie Ihr Maß an Offenheit: Sie schulden niemandem Ihre Diagnose. Entscheiden Sie selbstbewusst, wie viel Sie preisgeben möchten, um Missverständnisse zu vermeiden.
2. Kommunizieren Sie Ihre Bedürfnisse: Wenn Sie keine Treppen steigen können oder Pausen brauchen, sagen Sie es. Ihr Umfeld kann nur Rücksicht nehmen, wenn es Bescheid weiß.
3. Akzeptieren Sie Ihre Grenzen: Niemand ist jeden Tag zu 100 Prozent leistungsfähig. Es ist okay, auch als Führungskraft – ob mit oder ohne Behinderung – mal schwache Tage zu haben.
4. Seien Sie authentisch: Verstellen Sie sich nicht, um einem Normbild zu entsprechen. Authentizität schafft Vertrauen und mehr Miteinander im Team.
5. Nutzen Sie Ihre Sichtbarkeit: Wenn Sie können, seien Sie ein Vorbild. Zeigen Sie, dass Führung und Behinderung sich nicht ausschließen, um den Weg für nachfolgende Kolleginnen und Kollegen zu ebnen.
Freuen Sie sich auf einen inspirierenden Vortrag der Mutmacherin bei der Veranstaltung "VBG connect Zeitarbeit - Zukunft gestalten" am 26.3.2026 in Metzingen. In einem Impulsvortrag beleuchtet sie Mythen und Vorurteile rund um das Thema Inklusion. Ergänzend dazu lädt sie zu einem Workshop ein, in dem praxisnahe Tipps erarbeitet und Erfahrungen ausgetauscht werden. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei. Sie richtet sich an Unternehmerinnen und Unternehmer, Führungskräfte und Fachleute der Branche Zeitarbeit. Die Anmeldung erfolgt hier.
Die VBG unterstützt ihre Mitgliedsunternehmen dabei, allen Beschäftigten die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen – unabhängig von körperlichen, seelischen oder geistigen Einschränkungen. Die Angebote reichen von der Handlungshilfe für Inklusion im Betrieb bis zu Seminaren für barrierefreie Arbeits- und Gebäudegestaltung. Auch bei der VBG ist Inklusion eine Selbstverständlichkeit. So unterstützt die gesetzliche Unfallversicherung ihre Führungskräfte beispielsweise mit dem E-Learning-Tool „Inklusion für Führungskräfte – Fokusthema Schwerbehinderung“. Das Programm vermittelt praxisnahes Basiswissen über den Umgang mit Schwerbehinderungen im Arbeitsalltag.
Unsere Hilfsangebote für barrierefreies Arbeiten in Mitgliedsunternehmen finden Sie hier.