Sportlicher Neustart mit Hightech-Prothese: Ronny Rehbeins Weg zurück ins Leben
Veröffentlicht am

Veröffentlicht am

Schritt für Schritt zu neuer Stärke: Ronny Rehbein trainiert regelmäßig in der Gangschule des ukb. (Foto: Christian Lietzmann)
Gangschultraining in der Reha-Klinik des BG Klinikums Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Ronny Rehbein mustert die bunten Parcourshütchen, die Sportherapeut Marian Blanke neben der schwarzen Laufbahn platziert hat. Schweißtropfen glitzern auf der Stirn des 50-Jährigen, während er sich im Sporttrikot bereit macht. Entschlossen greift er zur Slashpipe, einem mit Flüssigkeit gefüllten Kunststoffrohr, das wie eine wacklige Balancierstange Stabilität trainieren soll. Los geht’s. Rechtes Bein vor, linkes zieht nach. Geschickt steuert der Berliner um die Hindernisse, schafft das Slalom-Finish souverän. Was fast mühelos wirkt, ist das Ergebnis jahrelangen Trainings. Denn: Ronny Rehbeins rechtes Bein wird ab dem Knie durch eine Prothese aus überwiegend leichtem, aber extrem belastbarem Karbon ersetzt.
Ausgestattet mit modernster Sensorik, unterstützt sie ihn in Echtzeit – ob beim Gehen, Fitnesskurs, Radfahren oder Skilanglauf. „Fürs Laufen habe ich noch eine andere Prothese“, erklärt Rehbein: eine schwarze Sportprothese mit Karbonfeder, wie man sie von den Paralympics kennt. Eine weitere Prothese für den Skiurlaub habe die VBG ihm in Zusammenarbeit mit einem Orthopädietechnikunternehmen probeweise zur Verfügung gestellt, sagt er und schmunzelt. Keine Frage, dass er auch dieses Hobby nach seinem Unfall nicht aufgeben will.
Rückblick: Ein heißer Julitag vor acht Jahren. Ronny Rehbein ist mit dem Motorrad auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, als ein Lkw ihn an einer roten Ampel übersieht und überrollt. „Ich war vielleicht 30 Minuten unter dem Lkw eingeklemmt, bei vollem Bewusstsein“, erinnert er sich. Kurzes Stocken. Was ihm dabei durch den Kopf ging? „Ich dachte: Ich wollte doch eigentlich nach Hause – jetzt werde ich hier aufgehalten. Ich habe gar nicht realisiert, was passiert ist.“
Im Krankenhaus ist die Diagnose schnell klar: offenes Unterschenkeltrauma. Auf der Intensivstation wird sein bereits beim Unfall durchtrenntes Bein versorgt. Es folgen weitere OPs. Schließlich muss nach dem Unterschenkel auch das Knie amputiert werden. „Knie-Ex-Patient“ nenne er sich jetzt, erläutert Rehbein. Dass er schon nach wenigen Tagen ohne Gehhilfen mit einer Interims-Prothese wieder auf den Beinen ist, begeistert seinen Therapeuten bis heute, der ihn seit seinem Unfall unterstützt. „Ronny war einfach immer sehr positiv und zukunftsorientiert“, sagt Blanke. „Für ihn war klar: Er wollte so schnell wie möglich wieder auf seinen eigenen Beinen stehen – und Sport machen.“
„Die VBG hat gefragt: Was brauchen Sie?“
Neben dem Sport war die Familie der wichtigste Anker. Sie muss lernen, mit dem Unfall und der neuen Situation umzugehen. Rehbein und seine Frau lassen sich im ukb psychologisch beraten. Beide sind froh über die Unterstützung der VBG, die direkt nach der Unfallmeldung durch Rehbeins Arbeitgeberin, die Deutsche Kreditbank AG (DKB), Kontakt zur Familie aufnimmt und den Versicherten auf eigenen Wunsch ins Unfallkrankenhaus verlegt, das nur wenige Gehminuten von seinem Zuhause entfernt ist.
Rehbein: „Ich war unendlich dankbar, dass es ein Wegeunfall war, der von der VBG als gesetzliche Unfallversicherung der DKB betreut wird. Damit habe ich mir viele finanzielle und medizinische Scherereien erspart. Die Berufsgenossenschaft hat gefragt: Was brauchen Sie? Und hat dann alles in die Wege geleitet. Meine Familie und ich haben uns von Anfang an gut aufgehoben gefühlt.“

Was brauchen Sie? Reha-Managerin Andrea Lein fragt den Versicherten Rehbein nach seinen aktuellen Wünschen. (Foto: Christian Lietzmann)
Andrea Lein lächelt, freut sich über das Lob. Sie ist Rehbeins Reha-Managerin bei der VBG – und betreut den Sportler seit Jahren. Heute begleitet sie ihn durch den Reha-Vormittag und erkundigt sich nach seinen Erfahrungen mit der Skiprothese, die die VBG ermöglicht hat. Komisch sei das erste Mal am Berg gewesen, erinnert sich der gebürtige Brandenburger: „Das Prothesenbein war recht wackelig und Gleichgewicht ein Thema. Aber mit Übung wurde ich immer sicherer.“ Aufgeben? Für ihn keine Option.
So wie bei der nächsten Trainingseinheit. „Sie wollen es aber auch wissen“, staunt Lein. Eine Hand dribbelt den großen Gymnastikball, die andere lässt einen mittelgroßen Ball auf dem Tischtennisschläger hüpfen – und das alles, während Rehbein über die Laufstraße schreitet. Schon ohne Prothese eine echte Herausforderung. „Das machen wir regelmäßig, um die Koordination zu schulen“, erklärt Therapeut Blanke.
„Dass jemand nach so einer Verletzung so sportaffin bleibt, ist selten.“

Bleibt am Ball: Rehbein beim Koordinationstraining. (Foto: Christian Lietzmann)
Regelmäßig sind auch die Aufenthalte in der Reha-Klinik. Alle zwei Jahre ist Rehbein im ukb, um seine Kraft aufzutrainieren oder – wie er sagt: „um mein sehr gutes Niveau zu halten.“ Die Reha organisiert und übernimmt die VBG – so wie viele andere Leistungen, etwa die medizinische Versorgung, die Versetzung des Gaspedals im Familienauto, die Anschaffung der Alltags- und der Sportprothese oder die Versorgung mit der Ski-Prothese. Auch die Reha-Managerin ist beeindruckt von der Willenskraft des Versicherten: „Dass jemand nach so einer Verletzung so sportaffin bleibt, ist selten“, sagt Lein. „Umso klarer ist für uns, ihn dabei zu unterstützen, dass er den Sport, den er vor dem Unfall ausgeübt hat, weiter ausüben kann, also in diesem Fall Radfahren, Laufen, Ski- und Motorradfahren.“
Glück im Unglück: Für den beruflichen Wiedereinstieg acht Monate nach seinem Unfall, den Rehbein im Rahmen einer stufenweisen Wiedereingliederung mit langsam steigenden Arbeitszeiten bewältigt, sind keine besonderen Umbauten oder Anpassungen im Büro nötig. Beim Staffellauf seiner Firma gibt es dann schon den einen oder anderen erstaunten Blick – und jede Menge Respekt dafür, dass der Kollege mit Prothese am Start ist.

Herr der Ringe: Im Spacecurl hält der Berliner in allen Lagen die Balance. Foto: (Christian Lietzmann)
Zum Abschluss des Vormittags geht es in den Spacecurl – ein Therapiegerät, bei dem Patientinnen und Patienten in beweglichen Riesen-Ringen in verschiedene Richtungen um sich selbst rotieren. Mit geübten Handgriffen schnallt Sportwissenschaftler Blanke seinen Patienten in der Mitte des Spacecurls fest, prüft, ob alle Verschlüsse sitzen. Dann drehen sich die Ringe. Rehbein hält hochkonzentriert die Balance, es geht kopfüber und in Seitenlage. „Perfekt für die gesamte Muskulatur und den Gleichgewichtssinn“, erklärt Blanke.
Zeit für eine Pause in der lichtdurchfluteten Cafeteria unter dem Dach der Reha-Klinik. Rehbein lehnt sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. Was würde er anderen raten, die nach einem Unfall in einer ähnlichen Situation sind? „Ich würde sagen: Such dir positive Beispiele. Finde Kleinigkeiten, die vielleicht sogar besser sind als früher.“ Rehbein überlegt kurz, ein Lächeln fliegt über sein Gesicht. „Beim Kicken mit den Kids tut ein Foulspiel an der Prothese nicht weh, dem Gegner aber schon. Und schau dir Videos an, was Menschen mit Prothesen leisten können. Sport kann sehr hilfreich dabei sein, sich eigene Ziele zu stecken und Herausforderungen zu meistern. Ich zum Beispiel habe heute kaum Einschränkungen, die wirklich relevant sind.“
Die nächste Trainingseinheit wartet. Die absolviert der Finanzexperte gemeinsam mit drei Patienten, die ebenfalls amputiert sind. Ein eingespieltes Team, erzählt Rehbein, das sich seit Jahren kennt – und gegenseitig motiviert. Ihr nächstes Ziel: Am Ende der Reha wollen sie gemeinsam das Sportabzeichen in Gold machen. Vielleicht ist auch irgendwann ein Marathon drin. Zuzutrauen ist es Ronny Rehbein.
Persönlich und individuell: Das Reha-Management der VBG
Die VBG hat den gesetzlichen Auftrag, nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Versicherten mit allen geeigneten Mitteln wiederherzustellen. Gleichzeitig schützt die gesetzliche Unfallversicherung Mitgliedsunternehmen und Versicherte vor den hohen Kosten, die durch Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten entstehen können.
Nach einem Arbeits- oder Wegeunfall sind die Reha-Managerinnen und -Manager der VBG die zentralen Ansprechpersonen. Sie nehmen zeitnah Kontakt zu den Verletzten auf, besprechen die individuelle Situation und planen gemeinsam mit den Betroffenen sowie den behandelnden Ärztinnen und Ärzten die nächsten Schritte.
Innerhalb von 30 Tagen werden die nötigen Reha- und Teilhabeleistungen in einem Reha- und Teilhabeplan vereinbart. Die Reha-Managerinnen und -Manager koordinieren dann alle Maßnahmen, damit die Rückkehr ins Berufsleben gut gelingt. Sechs Monate nach Erreichen der Ziele melden sie sich erneut, um den langfristigen Erfolg zu begleiten.
Mehr über das Reha-Management und die Angebote der VBG erfahren Sie auf der VBG-Website.