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Foto: KLU Hamburg

Angekommen, um zu bleiben

Certo beleuchtet, warum erfolgreiche Integration weit über den Arbeitsvertrag hinausgeht und wie Unternehmen den kulturellen Brückenschlag meistern.

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Als Nimisha Gopakumar vor neun Jahren aus Katar nach Hamburg kam, war ihr Plan kurz gefasst: den Master an der Kühne Logistics University (KLU) absolvieren, dann weitersehen. „Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet“, erinnert sie sich heute. Sie landete in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprach und dessen Takt ihr völlig fremd war. „Alles war neu. Die Menschen, die Kultur, die Abläufe. Ich dachte mir: Das wird ein Abenteuer.“

Heute arbeitet die 30-Jährige als Supply Chain Development Specialist bei einem global führenden Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien in Hamburg und optimiert Lieferketten für eine klimaneutrale Zukunft. „Ich wusste, dass ich mich in diesem Bereich weiterentwickeln wollte und als ich auf die KLU stieß, hatte ich sofort das Gefühl, am richtigen Ort zu sein“, erzählt die gebürtige Inderin, die in Katar aufgewachsen ist. Dank eines Stipendiums und der Unterstützung der KLU konnte sie ihre Masterarbeit praxisnah in Kooperation mit einem Unternehmen abschließen. Aus dem Gastaufenthalt wurde Heimat – und Nimisha Gopakumar einer der Fachkräfte, die Deutschland so dringend braucht.

Die Lücke füllen: Zuwanderung als ökonomische Notwendigkeit

(Foto: KLU Hamburg)

Geschichten wie die von Nimisha Gopakumar gibt es immer häufiger, doch die Statistik zeigt: Es müssten noch viel mehr sein. Der Fachkräftemangel ist längst keine abstrakte Gefahr mehr, sondern bremst die deutsche Wirtschaft. Im dritten Quartal 2025 waren laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rund 1,3 Millionen Stellen unbesetzt – besonders im Baugewerbe, in der Pflege, im Ingenieurwesen sowie in IT und Logistik.

 

Der demografische Wandel wirkt dabei wie Brandbeschleuniger: Wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente gehen, entstehen Lücken, die allein durch heimischen Nachwuchs nicht mehr zu schließen sind. Eine zentrale Stellschraube ist daher die gezielte Gewinnung und Qualifizierung internationaler Fachkräfte. Doch das ist oft leichter gesagt als getan. In der Praxis bremsen monatelange Wartezeiten auf Visa, komplizierte Verfahren zur Anerkennung von Berufsabschlüssen und eine unübersichtliche Zuständigkeit zwischen verschiedenen Behörden den Zuzug massiv aus. 

Um diesen bürokratischen Stillstand zu brechen, plant Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas für das Jahr 2026 die Gründung einer sogenannten „Work-and-Stay-Agentur“. Diese zentrale, digitale Anlaufstelle soll als „One-Stop-Shop“ fungieren. Ziel ist es, die bisher zersplitterten Zuständigkeiten zu bündeln, Prozesse durchgehend zu digitalisieren und die Einwanderung von Fachkräften so spürbar zu beschleunigen.

Integration ist mehr als Vokabeltraining

Für Nimisha Gopakumar war das Visum im Pass aber nur die erste Hürde. „Man kann die Bürokratie bezwingen und einen Job finden“, sagt sie rückblickend, „aber das bedeutet noch nicht, dass man sich zugehörig fühlt.“ Denn das Gefühl der Zugehörigkeit entsteht nicht zwischen Anträgen und Behördengängen ­– es entsteht innerhalb der Unternehmenskultur.

(Foto: Jana Novin)

„Nachhaltige Integration geht weit über den Arbeitsvertrag hinaus“, weiß auch Jana Novin. Ihre Laufbahn begann als Deutschlehrerin, heute unterstützt sie Unternehmen als Integrations-Coach dabei, internationale Fachkräfte langfristig zu binden.

Ihr digitales „Ver-Steh-Café“ ist ein Beispiel für moderne Integrationskonzepte, die dort ansetzen, wo klassisches Vokabeltraining aufhört: beim Gefühl der „kulturellen Beheimatung“, wie Novin sagt. In einer lebendigen Online-Community unterstützt das Ver-Steh-Café internationale Fachkräfte aus der ganzen Welt dabei, sich zu orientieren, Sprachpraxis zu sammeln, Selbstvertrauen für den Einstieg in deutsche Arbeitskontexte zu gewinnen. Hier können sie sich auch untereinander vernetzen, um soziale Isolation zu vermeiden. Das Hauptproblem sieht Novin im rein administrativen Fokus vieler Betriebe: „Man denkt: Visum, Wohnung, Anmeldung – läuft schon irgendwie. Was dabei völlig unterschätzt wird, ist die emotionale Sicherheit“, erklärt sie. Laut der Expertin scheitert das Bleiben oft nicht an der Qualifikation, sondern sozialer Isolation. „Diese unsichtbare Ebene der sozialen Bindung ist der wahre Schlüssel zum Erfolg.“  

Ein gegenseitiges Versprechen

Inzwischen ist Hamburg für Nimisha Gopakumar zur Heimat geworden und hat eine Botschaft an die hiesige Wirtschaft: „Unternehmen, die davor zurückschrecken, international einzustellen, wissen gar nicht, was sie verpassen.“ Der Prozess, den sie durchlebt hat, fühlt sich für sie an wie ein gegenseitiges Versprechen: „Deutschland hat mir die Chance gegeben, mich zu entwickeln, und jetzt zahle ich dieses Vertrauen mit meiner Expertise zurück.“

Heute kehrt sie regelmäßig an die KLU zurück, um auf Alumni-Veranstaltungen neuen Studierenden praktische Tipps für die Jobsuche zu geben und allgemein ihre Erfahrungen mit der deutschen Arbeitswelt zu teilen oder zu erklären, wie man sich in einer Stadt wie Hamburg als internationale Fachkraft wirklich Fuß fasst. Aus der einstigen Studentin ist eine Mentorin geworden, die den Weg ebnet, den sie selbst mühsam finden musste.

(Foto: KLU Hamburg)

Erfolgskonzept Fachkräfte: Von der Gewinnung zur Bindung

Die Rekrutierung im Ausland ist für Unternehmen nur der erste Schritt. Damit aus einer Einstellung eine langfristige Erfolgsgeschichte wird, müssen bürokratische Hürden, kulturelle Integration und berufliche Entwicklung ineinandergreifen. Unternehmen können bereits heute auf ein dichtes Netzwerk an Unterstützung und bewährte Strategien zurückgreifen, um internationale Talente nicht nur zu finden, sondern sie auch nachhaltig in das Team zu integrieren:

Zugang zu Talenten sichern

  • Make it in Germany: Das offizielle Portal der Bundesregierung für Fachkräfte aus dem Ausland bietet Arbeitgebern einen strukturierten Leitfaden – von der Stellenausschreibung im Ausland bis hin zu den rechtlichen Voraussetzungen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes.
  • Internationale Studierende frühzeitig ansprechen: Kooperationen mit Hochschulen, Alumni-Netzwerken und Programmen wie DAAD oder KLU Stipendien.
  • Regionale Unterstützung: Die Welcome Center vieler Städte sowie die IQ Netzwerke beraten Betriebe kostenlos zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse und unterstützen bei der Onboarding-Phase.

Rechtliche Spielräume nutzen: Die gezielte Nutzung der EU Blue Card, von Job-Seeker-Visa oder die Präsenz auf internationalen Recruiting-Messen macht offene Stellen für hochqualifizierte Fachkräfte weltweit sichtbar.

Integration von Anfang an fördern

  • Sprachförderung anbieten: Deutschkurse, Business English oder interkulturelle Trainings.
  • Unterstützung im Alltag: Hilfe bei Wohnungssuche, Behördengängen oder Schulwahl für Mitarbeitende mit Familie.
  • Soziale Anbindung: Mentoring-Programme oder Buddy-Systeme etablieren, um soziale und berufliche Netzwerke aufzubauen.

Talente langfristig binden

  • Entwicklungsperspektiven sichtbar machen: Welche Weiterbildungen sind möglich, welche Projekte kann man verantworten, wie sehen Karrierepfade aus?
  • Inklusive Unternehmenskultur: Eine offene Kultur, die den Austausch über verschiedene Herkünfte und Erfahrungen aktiv fördert, steigert die psychologische Sicherheit und Zugehörigkeit.
  • Feedback und Beteiligung ermöglichen: Mitarbeitende aktiv in Entscheidungsprozesse einbeziehen, um ihre Identifikation mit dem Unternehmen zu erhöhen.
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