Vielfalt wirkt: Mit inklusivem Mindset zum Erfolg
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Frau Lazai, Ihre Organisationseinheit heißt „Diversity, Equity & Inclusion“ (DEI). Warum spielt dieser Bereich bei DATEV eine so zentrale Rolle?
Das hat seinen Ursprung in unserer Historie. Unser Gründer, Dr. Heinz Sebiger, war stark sehbehindert. Daher spielt Inklusion schon seit den Anfängen von DATEV vor fast 60 Jahren für uns eine zentrale Rolle. Es war ihm sehr wichtig, dass wir Menschen mit Behinderung nicht nur beschäftigen, sondern dass sie wertschöpfend bei uns arbeiten. Für uns stand nie die Frage im Raum, ob wir Diversität, Chancengerechtigkeit und Inklusion umsetzen, sondern lediglich, wie wir uns darin stetig weiterentwickeln.

Barrierefreiheit hat Claudia Lazai als Inklusionsbeauftragte beim IT-Dienstleister DATEV immer im Blick. (Foto: DATEV eG)
Wie sieht die praktische Umsetzung heute im Unternehmen aus?
Wir wollen das Mindset vermitteln, dass alle von Inklusion profitieren. Wir brauchen also Rahmenbedingungen, die für die betroffene Person und das kollegiale Umfeld passen. Und wir brauchen Rahmenbedingungen, die von allen mitgestaltet werden – das heißt, auch von den Beschäftigten, die einen Grad der Behinderung oder eine Beeinträchtigung haben. Ein Meilenstein war die Inklusionsvereinbarung, die wir gemeinsam mit allen Fachbereichen erarbeitet haben. Die Vereinbarung wird wiederum durch einen Aktionsplan mit 133 Zielen und Maßnahmen konkretisiert, die wir sukzessive umsetzen.
Welche Maßnahmen sind das zum Beispiel?
Sie reichen von sprechenden Aufzügen und taktilen Bodenleitsystemen bis zu höhenverstellbaren Schreibtischen und Akustikelementen in allen Büros. Für Veranstaltungen bieten wir außerdem mobile Induktionsschleifen an, die gesprochene Sprache direkt an Hörgeräte übertragen. Ein echter Leuchtturm ist unsere Betriebsgastronomie: Über den QR-Code auf den Preisschildern können Inhalte bequem über das Smartphone von allen Mitarbeitenden ausgelesen werden. Eine weitere tolle Inklusionslösung ist der Einsatz von Lego-Steinen: Unsere Teams nutzen sie, um mit blinden Teammitgliedern die Struktur eines Softwareprogramms zu erarbeiten und sie haptisch begreifbar zu machen.

Der Abbau von Barrieren ist bei DATEV selbstverständlich. Zum Beispiel durch haptische Beschriftungen und Lautsprecheransagen für Beschäftigte mit Sehbehinderung. (Foto: DATEV eG)
Welche Rolle spielt digitale Barrierefreiheit?
Eine sehr große. Rund 600 Beschäftigte bei uns sind schwerbehindert oder haben einen Grad der Behinderung von 30 oder 40 – mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen. Für sie ist die Zugänglichkeit und Bedienbarkeit digitaler Anwendungen von zentraler Bedeutung. So sind beispielsweise für sehbehinderte Personen Kontraste und Skalierbarkeit sehr wichtig, also die Vergrößerung von digitalen Inhalten ohne Verlust von Lesbarkeit oder Funktionalität. Unsere digitalen Anwendungen orientieren sich an etablierten Standards. Und auch beim Einkauf von externer Software ist Barrierefreiheit ein wichtiges Entscheidungskriterium. Wir verstehen sie als fortlaufende Aufgabe.
Inklusion ist bei DATEV historisch verankert, sagen Sie. Stoßen Sie intern trotzdem noch auf Vorbehalte?
Die gibt es immer. Häufig handelt es sich um unbewusste Voreingenommenheiten. Einer beeinträchtigten Person wird vielleicht unbewusst nicht zugetraut, als Teamleitung einen guten Job zu machen, weil es schlicht nicht in die eigene Vorstellung passt. Eine andere Hürde ist das Verständnis von Prozessen. Bei Veranstaltungen heißt es oft: Inklusion setzen wir ganz zum Schluss um, statt bereits bei der Raumbuchung an Barrierefreiheit zu denken. Erfolgt die Umsetzung aber erst im Nachhinein, wird sie deutlich teurer und aufwendiger. Wir bemerken jedoch einen Wandel: Junge Menschen, die bei uns anfangen, fordern Inklusion viel selbstverständlicher ein. Das hilft uns sehr dabei, unser inklusives Mindset voranzutreiben.
Was tun Sie noch dafür?
Wir haben in den letzten Jahren eine gewisse Vertrauenskultur geschaffen, in der alle die eigenen Bedürfnisse äußern können: Was brauche ich, um besser arbeiten zu können? Diese offene Kommunikation haben wir über verschiedene Formate gefördert. So beschäftigen wir uns unter anderem alle zwei Wochen in unserem Diversity Talk, unserem Diversity-Podcast oder unserer Community of Practice (CoP) Digitale Barrierefreiheit mit Themen rund um Inklusion und Barrierefreiheit. Darüber hinaus haben wir Workshops aufgesetzt, in denen Inklusion erlebbar wird. Zusätzlich bieten wir Schulungen für unsere Führungskräfte rund um DEI-Themen an.

Auch barrierefreie Zugänge und stufenlose Verkehrswege gehören zum Inklusionskonzept des Softwareentwicklers. (Foto: DATEV eG)
Was raten Sie Unternehmen, die beim Thema Inklusion noch am Anfang stehen?
Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Ein relevanter Hebel ist, sich zu vernetzen und den Austausch mit anderen Unternehmen zu pflegen. Zudem sollten Unternehmen auch externe Hilfe annehmen, etwa über Integrationsfachdienste. Und ganz wichtig: Beziehen Sie die Belegschaft mit ein. Fragen Sie direkt nach den Bedarfen. Es lohnt sich in jedem Fall, denn Menschen mit Behinderung bringen völlig andere Perspektiven mit. Divers besetzte Teams benötigen möglicherweise mehr Zeit für die Produktentwicklung, finden dafür aber deutlich kreativere Lösungen – die letztlich einer vielfältigen Kundschaft und damit allen zugutekommen.
Brauchen Sie Unterstützung? Die VBG bietet ihren Mitgliedsunternehmen Beratung, Schulungen und Hilfsangebote zur Umsetzung von Barrierefreiheit im Betrieb: www.vbg.de/barrierefrei