Transformation heißt: Machen!
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Er ist eine wichtige Konstante in Zeiten schnellen Wandels bei den Leipziger Verkehrsbetrieben: Ulf Middelberg, seit 2011 Geschäftsführer der LVB.
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LVB-Geschäftsführer Ulf Middelberg im Interview. Er ist überzeugt: Beharrlichkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die Führungskräfte für erfolgreiche Transformation brauchen. Foto: VBG/Karolin Klüppel
Fahrplan oder Bauchgefühl? Da muss Ulf Middelberg nicht lange überlegen: „Verlässliche Flexibilität“, ist die Antwort des Chefs der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB). Schon in diesen zwei Worten steckt viel von seiner Vision eines Öffentlichen Personennahverkehrs, der bereits heute in der Stadt Leipzig jährlich bis zu 27 Millionen Kilometer zurücklegt und über 170 Millionen Fahrgäste befördert.
Wer mit dem 59-Jährigen über Wandel spricht, merkt schnell: Middelberg nutzt den Begriff nicht wie ein Schlagwort, mit dem andere Manager in schwierigen Zeiten harte Entscheidungen erklären. Transformation ist für ihn vor allem „technologisch und gesellschaftlich tiefgreifend, weil sie nicht singulär alle paar Jahre passiert, sondern weil wir sie jeden Tag erleben und gezielt gestalten. Wandel ist ein Prozess, mit dem wir den ÖPNV in der bevölkerungsreichsten Stadt in Sachsen ausrichten – mit dem Ziel einer resilienten Mobilität, bei der wir auf bewährtem Fundament Neues angehen.“
Dabei gehe es letztlich auch um die Frage, wie aus mehr Veränderung mehr Wirkung wird, erklärt Middelberg, der seit 2011 Sprecher der Geschäftsführung ist. Um ins Machen zu kommen, brauche es nicht nur Digitalisierung, Vernetzung und künstliche Intelligenz, sondern auch neue Arbeitsweisen und eine Unternehmenskultur, die all das trägt. Und das ist der Grund, warum er beim Thema Transformation zuerst (!) über Menschen spricht.
Es ist dieser Fokus, der hilft, die Konflikte zu lösen, die durch die Transformation erst entstehen. Ein einfaches Beispiel? „Im Weichenbau wurde eine neue Fräse eingeführt, die deutlich zweistellige Produktivitätsfortschritte bringt“, so Middelberg. „Die erfahrenen Beschäftigten brachten ihre Materialkenntnisse ein, die Jüngeren ihre Softwarekompetenz.“ Das sei zwar produktiv gewesen und es könne ein gutes Beispiel für generationsübergreifenden Erfolg sein, aber die Zusammenarbeit war nicht durchweg harmonisch. „Entscheidend ist in einer angespannten Situation, sie zu verstehen“. Und zu wissen, dass Lösungen oft in der Unternehmenskultur liegen. „Bei uns gilt: Egal mit welchen Lebensentwürfen Menschen zu uns kommen: Wenn sie für die LVB arbeiten, sind wir ein Team.“
Diese Offenheit macht Middelbergs Sicht auf Transformation interessant. Nicht reibungslos, nicht glamourös, nicht linear – sondern als Aushandlungsprozess. Er formuliert es fast philosophisch: Meist gebe es im Leben verschiedene gültige Perspektiven auf eine Frage. Führung heißt für ihn deshalb auch, mit der Möglichkeit zu rechnen, „andere könnten recht haben“. Transformation ist bei ihm kein Durchregieren. Sie ist ein Lernprozess.
Ob sich an diesem Punkt Unternehmen aus den alten und neuen Bundesländern unterscheiden? Middelberg antwortet auf diese Frage mit Tiefgang. Die Transformationserfahrungen im Osten Deutschlands seien „sehr viel tiefer, intensiver und auch aktueller“. Was nach 1989 geleistet wurde, könne sich im westlichen Teil kaum jemand vorstellen. In den Belegschaften stecke Wissen über misslungene und gelungene Umbrüche.
Das Positive, das er daraus zieht, ist fast trotzig in seiner Zuversicht: „Es wird eine Lösung geben. Und wenn wir wissen, was wir wollen, ist das die Grundvoraussetzung, das auch zu erreichen.“ Gelungener Wandel schaffe einen Erfahrungsvorsprung, der helfe, auf eine Vielzahl weiterer neuer Herausforderungen zu reagieren – etwa auf globale politische Krisen, den Klimawandel sowie steigende psychische Belastungen im Arbeitsalltag.

Für die LVB hat Ulf Middelberg ein klares Ziel: „Emissionsfreie Mobilität und zweihundert Millionen Fahrgäste in 2040.“ Foto: VBG/Karolin Klüppel
Dichterer Verkehr, hohe Verantwortung, wechselnde Belastungen – all das fordert die Beschäftigten der LVB. Das Unternehmen reagiere mit Schulungen, Angeboten zu Ernährung, Sport und Sozialbetreuung. Dabei betont Middelberg zweierlei: die Verantwortung des Arbeitgebers und die Eigenverantwortung der Beschäftigten. Ein einfaches Beispiel: „Wir bieten in unseren Kantinen gesundes Essen an – aber wählt der Mitarbeitende dann doch Pommes mit Mayo, ist das vollkommen okay. Eventuell findet ja er oder sie die eigene Balance beim Sport.“ Das wirkt nüchtern, aber die Botschaft ist klar: Gesundheit entsteht weder allein durch Programme noch allein durch Disziplin. Sie braucht beides und das kann Spaß machen. Die Zahlen der LVB belegen den Erfolg dieser Herangehensweise: „Wir konnten mit einem Maßnahmenmix unseren Krankenstand in den letzten Jahren um über 20 Prozent senken“, so Middelberg.
Für die Stabilität der Belegschaft in Zeiten des Wandels sorgt auch ein gemeinsames Ziel, auf das sich alle verpflichten. „Emissionsfreie Mobilität und zweihundert Millionen Fahrgäste in 2040“, bringt Middelberg es auf den Punkt. Frage sei: „Finden wir so attraktive Lösungen, dass wir Menschen vom Pkw gewinnen?“ Das Unternehmen ist da auf einem guten Weg: „In den vergangenen Jahren haben wir, bezogen auf die Verkehrsleistung, acht Prozentpunkte vom Auto geholt.“ Middelberg macht auch klar, was es braucht, um noch weiter aufzuholen: Modernste Fahrzeuge und ein smartes, nachhaltiges Angebot. Technologisch gedacht: Elektromobilität und autonomes Fahren.
„Fahrerlose Systeme sind Transformation in Reinkultur“, so Middelberg. Wann ist es soweit? „Sie kommen – aber sie kommen nicht von heute auf morgen. Zuerst werde man kleine Fahrzeuge erleben, vor allem in On-Demand-Verkehren am Stadtrand.“ On-Demand bedeutet, dass diese Fahrzeuge auf Abruf unterwegs sind, also ohne festen Fahrplan oder Strecke. Fahrgäste buchen die Fahrt individuell per App, dann kommt das Shuttle. „Sobald in Deutschland zugelassene Systeme verfügbar seien, um diesen Service zu automatisieren, werden wir in Leipzig Erfahrungen sammeln.“

Modell eines Busses mit Hybridantrieb (rechts) im Büro von Ulf Middelberg. Die Elektrifizierung der LVB-Flotte ist Teil der Transformation des Nahverkehrs in Leipzig. Foto: VBG/Karolin Klüppel
Am Beispiel der LVB wird deutlich: Transformation beschränkt sich nicht auf kleine Verbesserungen, sondern stellt ganze Systeme auf den Kopf. Für Führungskräfte, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, hat Middelberg zwei klare Empfehlungen. Erstens: „Wer Wandel gestalten will, braucht mehr als Visionen – man braucht Beharrlichkeit“, so Middelberg. „Nicht das große Schlagwort zählt, sondern die Fähigkeit, über Jahre dranzubleiben, ohne sich vom nächsten Umweg entmutigen zu lassen.“ Und zweitens: „Transformation gelingt nicht durch Ansagen von oben. Neben dem Vorgeben ist vor allen Dingen eines zentral: das Vorleben.“
Die VBG unterstützt Unternehmen der Branche ÖPNV/Bahnen mit einem umfassenden Beratungs- und Informationsangebot bei der Umsetzung des betrieblichen Arbeitsschutzes. Einen Überblick finden Sie hier: vbg.de/oepnv-und-bahnen