Arbeits-Schutz in der Welt
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Nach einem Arbeitsunfall haben Menschen überall auf der Welt die gleichen Fragen:
• Wer hilft?
• Wer zahlt?
• Wie kam es zu dem Unfall?
• Wie verhindern wir den nächsten Unfall?
Die Antworten sind von Land zu Land sehr verschieden.
Das sagt Dr. Sven Timm.
Dr. Sven Timm ist stellvertretender Leiter der Prävention bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).
Prävention heißt: Unfälle und Krankheiten verhindern.
Dr. Sven Timm arbeitet seit vielen Jahren international.
Timm hat mit Partnerorganisationen in fast 90 Ländern zusammengearbeitet.
Partnerorganisationen sind Firmen oder Vereine, die sich gegenseitig helfen.
Timm hat Regierungen beraten.
Timm kennt die Vor- und Nachteile vieler Systeme.
Ein System sind hier die Regeln und Stellen, die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit schützen.
Timm kennt auch die Gründe für die Unterschiede.
Diese Gründe sind oft schwierig zu verstehen.

Dr. Sven Timm sagt: „Wir haben in Deutschland eine gesetzliche Unfallversicherung.“
Wir verbinden drei Dinge: Prävention, Rehabilitation und Entschädigung.
Prävention heißt: Unfälle und Krankheiten verhindern.
Rehabilitation heißt: Behandlung und Training, damit Menschen wieder gesund werden und arbeiten können. Entschädigung heißt: Geld als Ausgleich.
Timm sagt auch: Je besser die Prävention ist, desto weniger Rehabilitation braucht man.
Wer nach einem Unfall gut behandelt wird, braucht vielleicht seltener eine dauerhafte Rente.
Eine Rente ist Geld, das man jeden Monat bekommt.

Das deutsche System hat einen Vorteil für Unternehmen.
Dieser Vorteil heißt Haftungs-Ablösung.
Haftung heißt: Man muss für einen Schaden zahlen.
Ablösung heißt: Eine Stelle übernimmt diese Aufgabe.
Unternehmen zahlen Beiträge in das System ein.
Beiträge sind regelmäßige Zahlungen.
Bei Arbeitsunfällen zahlt die gesetzliche Unfallversicherung.
Dann muss der Arbeitgeber meistens nicht selbst zahlen.
Das entlastet die Unternehmen.
Dr. Sven Timm sagt: Deutschlands Stärke ist die institutionelle Verbindung.
Institutionen sind Stellen wie Behörden oder Verbände.
Verbindung heißt hier: Die Stellen arbeiten eng zusammen.
Berufsgenossenschaften und Unfallkassen beraten Unternehmen.
Berufsgenossenschaften sind Versicherungen für bestimmte Branchen.
Unfallkassen sind Versicherungen für öffentliche Stellen.
Diese Stellen machen Regeln, die zur Praxis passen.
Sie forschen.
Sie bieten Schulungen an.
Sie kontrollieren die Betriebe.
Im Ernstfall zahlen sie Leistungen.

Die ILO ist die Internationale Arbeitsorganisation.
Sie gehört zu den Vereinten Nationen.
Sie hat ausgerechnet: Arbeits-Schutz ist auch 2026 eine große Aufgabe.
Nach Schätzungen der ILO sterben jedes Jahr fast 3 Millionen Menschen an den Folgen von Arbeit.
Etwa 2,6 Millionen dieser Todesfälle kommen von Berufskrankheiten.
Dazu kommen rund 395 Millionen Verletzungen bei der Arbeit.
Das passiert jedes Jahr weltweit.
Dr. Sven Timm sagt:
Die Systeme der Länder sind sehr verschieden.
Manche Länder zahlen vor allem nach einem Unfall.
Andere kümmern sich auch um Vorbeugung, Behandlung und Training.
Auch die Organisation ist sehr verschieden.
Für Vorbeugung ist in vielen Ländern das Arbeitsministerium zuständig.
Für die Unfallversicherung ist eine staatliche Behörde zuständig.
Für Behandlung und Training ist das Gesundheitssystem zuständig.
Manchmal sind auch mehrere Stellen zuständig.
Und manchmal gibt es keine Zuständigkeit.

Der Blick in andere Länder lohnt sich!
Jedes Land ist in einer anderen Lage.
Ein System muss zur Lage passen.
Dr. Sven Timm nennt Indien.
In Indien ist die informelle Wirtschaft sehr groß.
Sie macht etwa 92 Prozent aus.
Die informelle Wirtschaft ist Arbeit, die der Staat nicht erfasst.
Das heißt: Diese Arbeit ist nicht offiziell gemeldet.
Der Staat erfasst, regelt oder besteuert sie nicht.
Deshalb sind die Menschen dabei nicht so versichert wie bei erfasster Arbeit.
Das bedeutet:
Das System in Indien hat ganz andere Probleme als das System in Deutschland.
In Deutschland ist es anders.
Viele Menschen haben eine reguläre Arbeit.

Warum lohnt sich der Blick in andere Länder?
Dr. Sven Timm sagt:
• Alle Länder der Welt müssen große Probleme lösen.
• Wir brauchen die richtige Denkweise.
• Wir können voneinander lernen.
• Arbeit verändert sich immer weiter: Der Arbeitsschutz muss sich deshalb auch verändern.

Neuseeland zeigt: Eine Unfallversicherung kann einfach sein.
Das Modell in Neuseeland ist einfach.
Es erfasst Unfälle, egal ob sie bei der Arbeit oder in der Freizeit passieren.
Geschützt sind Beschäftigte, Menschen ohne Arbeit und sogar Besucher.
Die Idee ist einfach: Wer verletzt ist, bekommt Hilfe.
• Man muss zuerst nicht klären, wer schuld war.
• Man muss auch nicht klären, ob der Unfall im Betrieb passiert ist.
Die staatliche Unfallversicherung heißt ACC.
Bei ACC spielt die Schuld keine Rolle.
Schuld ist, wer einen Unfall verursacht hat.
Die ACC haftet für einen Unfall.
Das heißt: Arbeitgeber und andere Verursacher müssen meistens nichts zahlen.
Der Vergleich mit Deutschland zeigt:
Ein System für alle kann vielen Menschen helfen.
Es kann aber auch mehr starre Regeln für die Leistungen geben.
Das deutsche System ist genauer aufgeteilt.
Aber das deutsche System ist komplizierter.

In den Niederlanden gibt es keine staatliche Unfallversicherung.
Das heißt: Die Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass die Beschäftigten zurückkommen.
Bei einer Krankheit zahlen die Arbeitgeber meistens bis zu 2 Jahre lang mindestens 70 Prozent des Lohns weiter.
Lohn ist das Geld für die Arbeit.
Die Arbeitgeber helfen auch bei der Wiedereingliederung.
Wiedereingliederung heißt: Die Person kommt in den Betrieb zurück.
Das gilt nicht nur für Arbeitsunfälle.
Es gilt auch bei Krankheiten.
Die Rückkehr wird früh besprochen.
Die Fragen lauten:
Was kann die Person arbeiten?
Was muss sich im Betrieb ändern?
Eine gute Frage für deutsche Betriebe ist:
Sprechen wir früh genug über passende Arbeit für Menschen nach einem Unfall?

Schweden hat eine staatliche Unfallversicherung.
Das Land ist in dieser Sache ganz vorn:
• Es erkennt neue arbeitsbedingte Krankheiten an.
• Anerkennen heißt:
Der Staat sagt, dass eine Krankheit von der Arbeit kommt.
Das ist wichtig. Die Arbeitswelt verändert sich schnell.
Früher standen sichtbare Gefahren im Vordergrund:
• Maschinen
• Absturzstellen
• Chemikalien
Heute kommen andere Belastungen dazu:
• psychische Belastungen, also Stress für die Seele
• lange Arbeitszeiten
• digitale Überwachung, also Kontrolle der Arbeit mit dem Computer
• neue Arten unsicherer Arbeit
Schweden zeigt:
Ein System muss auch neue Krankheiten erkennen können.
Es muss neue Ergebnisse aus der Forschung nutzen.
Wer zu lange wartet, bis etwas bewiesen ist, schützt Beschäftigte vielleicht erst, wenn schon viele krank sind.

Manche Tätigkeiten der Menschen sind nicht die klassischen Arten von Arbeit.
Ein Beispiel: Menschen fahren für einen Lieferdienst.
Oder sie nehmen kurzfristige Aufträge an.
Oder sie arbeiten über digitale Plattformen.
Digitale Plattformen sind Marktplätze im Internet.
Singapur und Malaysia zeigen: So schützt man auch diese Menschen.
Das geht, wenn Politik, Verwaltung und Sozialversicherung gemeinsam handeln.
Die Sozialversicherung ist eine Kasse, in die alle Menschen einzahlen. Wenn Menschen krank oder alt sind, können sie von der Sozialversicherung Hilfe bekommen.
Singapur und Malaysia suchen und testen Lösungen.
Sie sammeln Erfahrungen.
Sie passen ihre Systeme schnell an.
Heute müssen Plattform-Betreiber Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten melden. Plattform-Betreiber sind Firmen, die einen Marktplatz im Internet anbieten.
Die wichtigste Lehre für Deutschland:
Bei neuen Arbeitsformen hilft oft ein erster Schutz, der schon funktioniert. Eine perfekte Regel entwickeln dauert aber oft Jahre.

Die USA zeigen, wie anders Arbeitsschutz organisiert sein kann.
Vorbeugung und Entschädigung sind in den USA stärker getrennt als in Deutschland.
Die USA bestehen aus vielen Bundesstaaten.
Je nach Bundesstaat sind
• Zuständigkeiten,
• Ansprüche auf Leistungen und
• die Meldung eines Unfalls unterschiedlich.
In den USA ist der Arbeitsschutz oft anders.
Trotzdem setzen die USA wichtige Impulse.
Impulse sind Anstöße für andere.
Die USA nennen klar konkrete Risiken.
Sie setzen Regeln klar durch.
Beschäftigte können nach einem Unfall Schadensersatz und Schmerzensgeld vor Gericht fordern.
Schadensersatz ist Geld für einen Schaden.
Schmerzensgeld ist Geld für Schmerzen.
Die Summen sind im Vergleich mit Deutschland sehr hoch.
Das setzt die Unternehmen unter Druck.
Sie müssen sichere und gesunde Arbeitsplätze schaffen.

Japan hat schon lange feste Regeln.
Es gibt Sicherheitsschulungen.
Die Arbeitgeber tragen die Verantwortung.
Japan muss ähnliche Probleme lösen wie viele andere Industrieländer.
Klassische Unfallgefahren werden weniger.
Neue Belastungen werden häufiger.
Dazu gehören:
• psychische Krankheiten,
• lange Arbeitszeiten und
• Karoshi.
Karoshi heißt: Tod durch zu viel Arbeit.
Deshalb gibt es:
• Schulungen und Aufklärung,
• regelmäßige Kampagnen zu neuen Belastungen.
Kampagnen sind große Aktionen, die informieren.
Was kann Deutschland von Japan lernen?
Ein sicherer Arbeitsplatz hilft wenig, wenn die Arbeit krank macht.
Vorbeugung wirkt am besten, wenn sie dauerhaft ist.

Indien hat eine besondere Aufgabe.
Die meiste Arbeit findet in kleinen Betrieben statt, auf Baustellen und in der Landwirtschaft.
Dort reichen staatliche Kontrollen und soziale Sicherung oft nicht aus.
Indien will das Problem mit mehreren Maßnahmen lösen:
• mit neuen Gesetzen,
• einfachen Angeboten und mit der
• Einbindung aller Betroffenen.
Einbindung heißt: Alle Betroffenen machen mit.
Bei der Vorbeugung hilft die ILO in Indien.
Sie unterstützt Projekte.
In diesen Projekten finden Beschäftigte und Betriebe gemeinsam Risiken.
Dann beseitigen sie die Risiken mit einfachen und bezahlbaren Maßnahmen.
Dieser praktische Ansatz ist auch für Deutschland interessant.
Der wichtige Unterschied: Das System muss dorthin gehen, wo gearbeitet wird.
Es soll nicht warten, bis die Menschen zu ihm kommen.