Zwischen Gegenwind und Zuversicht: Das Certo-Stimmungsbarometer 2027
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Blicken Sie wie viele Menschen mit gemischten Gefühlen auf die kommenden Monate? Die Stimmung ist angespannt, und sie hat viele Farben. Sie ist grau mit Blick auf Kosten, Aufträge und politischer Sicherheit. Rot leuchtet sie bei Themen wie Energie, Personal und Bürokratie. Aber es gibt auch Grüntöne, die für die Hoffnung stehen, dass es bald bergauf geht und Menschen beziehungsweise Unternehmen ihre Zukunft selbst wieder freier gestalten können.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer hat jüngst mehr als 23.000 Unternehmen befragt und ein differenziertes Stimmungsbild erstellt, das alle Branchen erfasst. Das Ergebnis: Nur knapp jedes vierte Unternehmen bewertet die aktuelle Geschäftslage als gut. Ein Drittel erwartet in den kommenden zwölf Monaten schlechtere Geschäfte. 24 Prozent rechnen sogar mit einem Rückgang ihres Personalbestands.
Was bedeutet das für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit? Zunächst: Der wirtschaftliche Druck bleibt natürlich nicht vor den Werkstoren und Bürotüren stehen. Eine Untersuchung zur „Arbeitswelt 2026“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) macht diese Entwicklung sichtbar. Die repräsentative Befragung von 2.015 Erwerbstätigen zeigt: Die Hälfte erlebt Stress durch organisatorische Faktoren. Dazu gehören eine hohe Arbeitsintensität, häufige Unterbrechungen oder unklare Zuständigkeiten. Etwa ein Drittel berichtet von Belastungen durch Arbeitsinhalte oder soziale Beziehungen. 60 Prozent erwarten, dass psychische Belastungen künftig weiter zunehmen.
Doch die Zahlen der DGUV-Studie machen auch Mut. Neun von zehn Befragten stimmen der Aussage zu, dass Prävention Unternehmen stärkt und die Krisenfestigkeit des Standorts Deutschland erhöht. 89 Prozent halten Präventionsmaßnahmen für wichtig, damit Unternehmen auf Krisen vorbereitet sind. Dazu gehören Erste Hilfe, Brandschutz, klare Notfallpläne und qualifizierte Sicherheitsbeauftragte.
Wie blicken Versicherte und Mitgliedsunternehmen der VBG auf die kommenden Monate? Das Certo-Stimmungsbarometer soll zeigen, ob bei den Themen Sicherheit und Gesundheit im Arbeitsumfeld eher Besorgnis oder Zuversicht herrscht.
Seine Meinung klar auszudrücken ist dabei wichtig. Sie macht sichtbar, wo Handlungsbedarf besteht und welche Lösungen im Alltag ankommen. Nehmen Sie an der Umfrage teil und geben Sie Ihrer Stimmung in der Arbeitswelt eine Stimme:
Für das Stimmungsbarometer 2027 wurden deutschlandweit und in den VBG-relevanten Branchen Stimmen eingefangen und Erfahrungen, Einschätzungen und Erwartungen aus der Arbeitswelt gesammelt. Was bewegt Menschen und Unternehmen derzeit?

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gesundheit von Beschäftigten zu fördern und Arbeitsunfälle zu vermeiden: Für Donato Muro, Naturwissenschaftler, Ingenieur und Jurist, ist Arbeitsschutz mehr Berufung als Arbeit. (Foto: privat)
Donato Muro blickt mit gemischten Gefühlen auf die kommenden Monate. Als Hochschuldozent und Ausbilder beobachtet er „zunehmende Schwierigkeiten beim Fachwissen und vernetzten Denken“. Arbeitsschutz ist für ihn mehr als ein Regelwerk. Er soll verständlich sein und Menschen dazu befähigen, sicher zu handeln. Sorge bereitet ihm vor allem der wirtschaftliche Druck: „Ich befürchte Einsparungen beim Arbeitsschutz.“ Zuversicht geben ihm dagegen „medizinische Fortschritte und unsere Möglichkeiten, Gesundheit selbst mitzugestalten“. Beim Fachkräftemangel möchte Muro genauer hinschauen: „Fachkräftemangel greift mir als Erklärung zu kurz: Ich erlebe auch Defizite bei Qualifikation und Motivation.“ Auf Baustellen komme eine weitere Herausforderung hinzu: „Sprachbarrieren und unterschiedliche Einstellungen zu Risiken.“ Dadurch werde es anspruchsvoller, Sicherheitsbewusstsein zu entwickeln und sicheres Arbeiten dauerhaft zu verankern.
Für das kommende Jahr wünscht sich Donato Muro, dass Gesundheitsangebote mehr Menschen erreichen, die sie bisher kaum nutzen. Sein Ziel: „mehr Eigenverantwortung, Motivation und Freude daran, Arbeit und Leben aktiv zu gestalten.“

Sorgt als Fachkraft für Arbeitssicherheit (Glas/Keramik) und für Gefährdungsbeurteilungen für sichere Abläufe im Unternehmen: Tobias Schulte, EHQS-Manager Multi Site bei Imerys Tableware Deutschland GmbH. (Foto: privat)
Tobias Schulte blickt eher skeptisch in die Zukunft. Der Auftragseingang in der Glas- und Keramikbranche gehe zurück, sagt der Auditor und Fachkraft für Arbeitssicherheit. Besonders kritisch sieht er den Personalmangel: „Durch die fehlenden Fachkräfte steigen auch die Unfallzahlen, da immer mehr Leiharbeiter und/oder angelernte Arbeitskräfte eingestellt werden.“ Seine Beobachtung beschreibt einen Druck, der sich direkt in der Produktion bemerkbar macht. Wo Erfahrung, Fachwissen und eingespielte Abläufe fehlen, wird sichere Arbeit anspruchsvoller. Gleichzeitig sieht Tobias Schulte in seinem Unternehmen eine positive Entwicklung: „Es wird immer mehr darauf geschaut, dass die Sicherheit an oberster Stelle steht.“
Das bereitet ihm Zuversicht. Sorgen bereitet ihm dagegen die wachsende Zahl an Vorgaben. „Es werden immer mehr Gesetze erlassen, die ein Studium nötig machen, um diese entsprechend einzuhalten.“ Für ihn bedeutet das: mehr Büroarbeit und weniger Zeit in der Produktion.

Ralf Pieper, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Securitas Deutschland (Foto: Securitas)
Ralf Pieper blickt grundsätzlich optimistisch auf die kommenden Monate. Er sieht zwar, dass viele Betriebe unter Unsicherheit und wegbrechenden Umsätzen leiden. Doch notwendige Gegenmaßnahmen könnten neue Kräfte freisetzen: „Auch schmerzliche Umstrukturierungen lassen einen neuen Optimismus aufkommen.“ Besonders ermutigend sei es, wenn Partner von ersten sichtbaren Erfolgen berichten. Sorge bereitet ihm dagegen die gesellschaftliche Entwicklung. „Ein ,Zusammen‘ wird durch stärker werdende Polarisierung verdrängt.“ Gerade in unsicheren Zeiten sei Zusammenhalt jedoch ein wichtiger Faktor für Gesundheit, Sicherheit und gute Zusammenarbeit.
In der Arbeitswelt beschäftigen Pieper vor allem neue Arbeitsformen und der Umgang mit künstlicher Intelligenz. Einige Betriebe hätten moderne Formen der Zusammenarbeit „sehr erfolgreich und als Gewinn für alle Beteiligten“ umgesetzt. Andere stünden diesen Veränderungen weiterhin skeptisch gegenüber. Daraus entstünden Konflikte, auch zwischen jüngeren und älteren Kolleginnen und Kollegen sowie ihren unterschiedlichen Erwartungen an Arbeit.

Jochen Blöcher, Gründer blöcher cooperation und Autor von „German Mut“ (Foto: Tanja Wagner, Jochen Blöcher GmbH)
Jochen Blöcher ist „verhalten optimistisch“. Der Veränderungsdruck auf Unternehmen sei hoch. Gerade in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten zeige sich aber, dass Sicherheit, Gesundheit und effiziente Prozesse „keine Gegensätze sein dürfen“. Digitalisierung und künstliche Intelligenz eröffneten die Chance, Komplexität zu reduzieren und Prävention stärker im Arbeitsalltag zu verankern. Zuversicht schöpft der Geschäftsführer und Gründer der blöcher cooperation daraus, dass immer mehr Unternehmen Sicherheit und Gesundheit als Managementaufgabe verstehen. Für die gesetzliche Unfallversicherung und Unfallkassen wünscht sich Jochen Blöcher, die Digitalisierung konsequenter vom Dokument in die Anwendung zu bringen. Deutschland verfüge über viel Fachwissen, gute Regelwerke und wertvolle Handlungshilfen. Entscheidend sei, dass dieses Wissen einfach dort ankomme, „wo es im betrieblichen Alltag gebraucht wird“.

Christina von der Wehd, Ingenieurin beim Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik (IWM) (Foto: privat)
Christina von der Wehd blickt mit gemischten Gefühlen auf die kommenden zwölf Monate. Die Ingenieurin am Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik IWM erlebt eine Forschungslandschaft, die stark von Industrieaufträgen abhängt. „Derzeit nehme ich wahr, dass in Deutschland wenig in die Forschung investiert wird und sich der Fokus zunehmend auf KI richtet“, sagt sie.
Die Entwicklung der KI und die schwache Auftragslage in der Industrie prägen ihren Arbeitsalltag. Besonders wichtig ist von der Wehd deshalb der Blick auf die psychische Gesundheit. „Durch die fehlenden Aufträge sind manche Mitarbeitende über längere Zeit unterfordert. Gleichzeitig kann die Sorge um die Zukunft des eigenen Arbeitsplatzes belasten. Beides sollte im Arbeits- und Gesundheitsschutz ernst genommen werden.“ Sie wünscht sich regelmäßige Gespräche über Arbeitsbelastung und Auftragslage, frühzeitige Informationen sowie Qualifizierungen oder andere Projekte, wenn Aufgaben fehlen.