„Stimmung lässt sich nicht per Beschluss verbessern.“
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Viele Menschen blicken mit Sorge auf die Wirtschaft. Ist unser Wohlstand bedroht?
Michael Berlemann: Man muss zwischen der Konjunktur und dem langfristigen Wachstum unterscheiden. Konjunktur meint die kurzfristigen Schwankungen. Wohlstand entsteht dagegen über lange Zeit. Deutschland ist nicht auf dem Weg, in wenigen Jahren zu einem armen Land zu werden…
…aber?
Michael Berlemann: Aber unser Wohlstand wächst seit geraumer Zeit nicht mehr spürbar. Nach den Kriseneinbrüchen haben wir es nicht geschafft, auf den früheren Wachstumspfad zurückzukehren. Das sollte uns schon zu denken geben.
Was verstehen Sie unter Wohlstand?
Michael Berlemann: Für uns Ökonomen ist Wohlstand das Ausmaß, in dem Menschen ihre Wünsche erfüllen können. Dazu gehören materielle Dinge wie ein Haus, gutes Essen oder eine Reise, aber auch immaterielle Werte wie Freizeit und eine schöne Umgebung. Das preisbereinigte Pro-Kopf-Einkommen ist ein wichtiger Anhaltspunkt, weil höhere reale Einkommen mehr Möglichkeiten eröffnen. Es sagt aber nicht, dass Geld allein glücklich macht. Auch die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit zählt: Wir verbringen viel Zeit im Beruf. Und dass wir uns Arbeitsschutz auf hohem Niveau leisten können, ist ebenfalls Ausdruck von Wohlstand – und keine Selbstverständlichkeit.
Laut der Umfrage „Ipsos Global Trends 2025“ blicken nur 40 Prozent der Deutschen optimistisch auf die kommenden zwölf Monate. Ein Jahr zuvor waren es noch 52 Prozent… gibt es einen Abwärtstrend?
Michael Berlemann: Das Stimmungsbild passt zur Lage: Viele Unternehmen haben wenig Aufträge, und am politischen Horizont sehen sie derzeit nicht viel, das Hoffnung macht. Wenn man mehrere Jahre Stagnation erlebt und eine Krise auf die nächste folgt, hinterlässt das Spuren. Zugleich gibt es immer Unternehmen, denen es auch in einer Krise gut geht. Die Stimmung ist also nie überall gleich.

Gute Laune im Anflug? „Läuft die Wirtschaft gut, hellt sich die Stimmung meist mit der Zeit auf. In einer Krise wird sie häufig schlechter“, sagt Prof. Dr. Michael Berlemann. Foto: VBG/Julia Knop
Wo ist sie besonders schlecht, wo ist sie besonders gut?
Michael Berlemann: Es gibt Branchen, die besonders früh auf eine schwache Konjunktur reagieren. Die Zeitarbeit ist dafür ein guter Indikator: Wenn Betriebe weniger Personal nachfragen, wird das dort schnell sichtbar. Andere Bereiche, etwa Gesundheit und Pflege, sind weniger konjunkturabhängig. Wirtschaftliche Stimmung ist also nicht überall gleich. Und ganz wichtig: Auch innerhalb einer Branche kann es Gewinner und Verlierer geben.
Wie eng ist der Zusammenhang von Stimmung und wirtschaftlichen Lage denn?
Michael Berlemann: Läuft die Wirtschaft gut, hellt sich die Stimmung meist mit der Zeit auf. In einer Krise wird sie häufig schlechter. Kurzfristig können Lage und Gefühl aber auseinanderfallen. Stimmung ist nicht nur ein Abbild der Auftragsbücher. Sie wird auch davon geprägt, was Menschen erwarten und welche Nachrichten sie täglich hören. Wenn die Erwartungen kippen, können sie die Entwicklung verstärken – in beide Richtungen. Entscheidend ist deshalb, nicht jede schlechte Nachricht mit dem Ende des Wohlstands gleichzusetzen.
Also den Fernseher besser auslassen?
Michael Berlemann: Wenn es so einfach wäre!
Was belastet die Stimmung aktuell am stärksten?
Michael Berlemann: Wir sind von einer Krise in die nächste geraten: Pandemie, unterbrochene Lieferketten, Inflation, der russische Angriff auf die Ukraine und seine Folgen, dazu die Unsicherheit durch den Zollkonflikt mit den USA. Das sind vor allem konjunkturelle Belastungen. Vieles davon kann sich wieder abschwächen. Schwieriger sind die strukturellen Probleme, die nicht einfach verschwinden. Beides kommt derzeit zusammen: eine schwache Konjunktur und ungelöste Herausforderungen, die das Wachstum langfristig bremsen.
Welche strukturellen Probleme machen Ihnen besonders Sorgen?
Vor allem der demografische Wandel. Wir wissen seit Langem, dass die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden und weniger junge Menschen nachrücken. Das ist für Renten-, Gesundheits- und Pflegeversicherung eine Belastung. Gleichzeitig fehlen Arbeitskräfte.
Trotz drei Millionen Arbeitsloser?
Michael Berlemann: Wenn die Babyboomer in den kommenden Jahren in größerem Umfang in Rente gehen, werden nach meiner Einschätzung netto rund acht Millionen Menschen auf dem Arbeitsmarkt fehlen. In einer konjunkturellen Schwächephase gerät dieser Fachkräftemangel manchmal aus dem Blick. Zieht die Wirtschaft wieder an, dürfte er umso deutlicher spürbar werden.
Kann Technik diese Lücke schließen?
Michael Berlemann: Zu glauben, künstliche Intelligenz und Maschinen könnten jede menschliche Arbeit ersetzen, wäre blauäugig. Aber: Automatisierung und Digitalisierung sind eine Chance, unseren Wohlstand zu sichern. Wo Maschinen Menschen sinnvoll entlasten oder Aufgaben übernehmen können, sollten wir das nutzen. So bleiben Arbeitskräfte dort verfügbar, wo wir sie wirklich brauchen. Und wir brauchen einen Mix: Menschen länger im Arbeitsleben halten, Zuwanderung ermöglichen und Potenziale nutzen.
Was können Unternehmen tun, wenn die Stimmung im eigenen Betrieb kippt?
Michael Berlemann: Vor allem offen kommunizieren. Wenn die Geschäftsleitung schweigt oder Informationen nur häppchenweise weitergibt, füllen sich die Lücken schnell mit Gerüchten. Daraus entstehen Misstrauen und Unruhe. Gute Kommunikation ist deshalb kein Zusatz für ruhige Zeiten. Gerade wenn Aufträge wegbrechen oder sich etwas verändern muss, sollten Führungskräfte erklären, was passiert und was als Nächstes ansteht.

Foto: VBG/Julia Knop
Prof. Dr. Michael Berlemann
Prof. Dr. Michael Berlemann ist seit März 2022 wissenschaftlicher Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Seit Juli 2007 ist er Professor für Volkswirtschaftslehre, insbes. Politische Ökonomik & Empirische Wirtschaftsforschung an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Außerdem ist Michael Berlemann seit 2010 Forschungsprofessor am ifo Institut für Wirtschaftsforschung.
Reicht es, die Belegschaft zu informieren?
Michael Berlemann: Information ist der Anfang. Beschäftigte sollten auch verstehen können, wohin sich das Unternehmen entwickeln will und welchen Beitrag sie leisten können. In unsicheren Zeiten wollen Beschäftigte wissen, welche Strategie das Unternehmen verfolgt und warum Entscheidungen getroffen werden. Wer die Strategie kennt, kann Veränderungen besser einordnen. Das stärkt die Zusammenarbeit und verhindert, dass jede schlechte Nachricht sofort als Zeichen für den Niedergang gelesen wird.
Wie können Unternehmen zusätzlich widerstandsfähiger werden?
Michael Berlemann: Durch Diversifizierung, soweit sie wirtschaftlich machbar ist. Wer nur ein einziges Produkt verkauft, Rohstoffe aus nur einer einzigen Quelle bezieht oder fast ausschließlich von einem Absatzmarkt abhängt, ist verwundbar. Politische Konflikte oder Lieferprobleme können dann das ganze Geschäft treffen. Eine breitere Produktpalette sowie mehrere Import- und Absatzmärkte machen ein Unternehmen widerstandsfähiger.
Und was können kleinere Betriebe tun?
Michael Berlemann: Für kleinere Betriebe ist diese internationale Strategie natürlich schwieriger als für Konzerne. Trotzdem können auch sie prüfen, wo sie Abhängigkeiten reduzieren und Schritt für Schritt neue Märkte oder Lieferanten erschließen können.
Was ist dabei die Aufgabe der Politik und was liegt bei den Unternehmen?
Michael Berlemann: Die Politik muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen und unnötige Hürden abbauen. Deutschland ist in vielen Abläufen zu langsam. Eine konsequentere Digitalisierung könnte Anträge und Verfahren beschleunigen. Bürokratie hat aber auch eine wichtige Funktion: Sie schützt vor Willkür und sorgt für Rechtssicherheit. Wer sie abbaut, muss deshalb auch eine gewisse Fehlertoleranz zulassen. Gleichzeitig darf man nicht erwarten, dass der Staat allein für Wachstum sorgt. Wohlstand entsteht vor allem durch Unternehmen – durch Ideen, Beschäftigte und die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln.
Wie lässt sich – angesichts vieler Probleme – wieder Zuversicht gewinnen?
Michael Berlemann: Indem wir Probleme ernst nehmen, aber nicht so tun, als sei alles verloren. Der Wohlstand in Deutschland ist weiterhin hoch. Wir haben Menschen mit Ideen und eine lange Erfahrung darin, Neues zu entwickeln. Natürlich muss die Politik ihren Teil beitragen. Aber auch Unternehmen müssen ihre Stärken nutzen, Veränderungen annehmen und selbst Verantwortung übernehmen.
Und mit Blick auf jeden Einzelnen?
Michael Berlemann: Wenn wir nur beklagen, was nicht funktioniert, werden wir nicht handlungsfähiger. Ein bisschen mehr Optimismus heißt nicht, Schwierigkeiten zu übersehen. Es heißt, trotz der Schwierigkeiten nach Lösungen zu suchen.
Letzte Frage: Was wäre Ihr wichtigster Rat an Unternehmen für die nächste Zeit?
Michael Berlemann: Die Stimmung lässt sich nicht per Beschluss verbessern. Aber Betriebe können Bedingungen schaffen, unter denen Menschen Orientierung haben, mitarbeiten und an die Zukunft ihres Unternehmens glauben. Das beginnt oft damit, Unsicherheit nicht zu beschönigen, sondern gemeinsam den nächsten machbaren Schritt zu benennen.

Die VBG setzt sich aktiv mit der Zukunft der Arbeit auseinander und hat gemeinsam mit Sozialpartnern die Initiative Mitdenken 4.0 ins Leben gerufen. Diese Partnerschaft steht für den Dialog zwischen Wissenschaft, Unternehmen und Beschäftigten, um praxisnahe Lösungen und moderne Präventionsansätze für digitale Arbeitswelten zu erarbeiten: www.vbg.de/mitdenken-4-null