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Foto: VBG/Thomas Eisenhut

Long CovidDurch die Reha zurück in den Beruf

Christiane Wendel litt unter Long Covid, den Langzeitfolgen des Coronavirus. Wie sie mithilfe eines Fall-Managers der VBG zurück in den Arbeitsalltag fand.

Steuerberater Kay-Uwe Sachse hat seine Kanzlei 2004 eröffnet.

Foto: VBG/Thomas Eisenhut

Die Krankheit begann bei Christiane Wendel im Oktober 2020 eher harmlos. Leichter Husten und Mattigkeit waren die ersten Symptome. Wenig später konnte sie den Kaffee­duft nicht mehr wahrnehmen und auch nicht die Marmelade auf ihrem Brot schmecken. Zwar arbeitete sie damals schon aufgrund der Pandemie häufig im Homeoffice und nur noch sporadisch im Büro der M&S Steuer­beratungs­gesellschaft in Leipzig. Dennoch infizierte sie sich am Arbeits­platz mit dem Virus bei einer Kollegin, die sich auf einer Familien­feier mit den Covid-Erregern angesteckt hatte – und auch Steuer­berater und Chef Kay-Uwe Sachse musste fest­stellen, dass er das Virus in sich trug.

Seine Beschwerden waren leichter Natur und nach einigen Tagen wieder verschwunden, er benötigte keine weitere ärztliche Behandlung. Anders Christiane Wendel, die nach ihrer Quarantäne wieder ins Büro zurück­kehrte. Die Symptome bei der 60-Jährigen nahmen nicht ab, sondern wurden immer stärker. Vor allem der Husten und die ständigen Atem­beschwerden quälten sie. Auf dem Weg zur Arbeit musste sie Pausen einlegen, die Stufen zur S-Bahn waren für die passionierte Wanderin, die es bis dahin gewohnt war, lange Strecken zu laufen, plötzlich eine große Heraus­forderung. Den Grund für ihre Kraft­losigkeit, ihre zunehmende Schwäche, ihr Herzrasen und die Schmerzen in der Brust erfuhr sie nach mehrfachen Unter­suchungen bei einem Kardiologen und einem Lungen­fach­arzt: Christiane Wendel litt unter Lungen­embolien. Blut­gerinnsel verstopften ihre Lungen­arterien.

Ronny Nolle

VBG-Fall-Manager Ronny Nolle betreut auch Long-Covid-Patientinnen und -Patienten.

Foto: privat

Als Kay-Uwe Sachse im Januar 2021 erfuhr, dass eine Ansteckung im Büro als Arbeits­unfall gilt, handelte er sofort. Er meldete die Infektion, hoffte auf Unter­stützung und bekam sie umgehend. Weil Christiane Wendel sich zweifelsfrei am Arbeits­platz infiziert hatte, meldete sich der zuständige Fall-Manager Ronny Nolle aus der VBG-Bezirks­verwaltung Dresden bei ihm. „Wir wussten damals ja nicht viel über Behandlungs­möglichkeiten von solchen Lang­zeit­beschwerden. Frau Wendel war einer der ersten Fälle“, blickt Nolle zurück. Der Fall-Manager startete umfassende Recherchen: Er telefonierte mit Kliniken und befragte Lungen­fach­ärztinnen und -ärzte. „Selbst dort herrschte zu dem Zeitpunkt verbreitet noch viel Unsicherheit“, berichtet er. Auch von Christiane Wendel ließ er sich die Beschwerden schildern und war schließlich erfolgreich: Er fand für sie einen Platz in der BG Klinik in Bad Reichenhall. „Als uns diese Nachricht erreichte, war ich richtig froh, dass die VBG da ist!“, so Arbeitgeber Sachse.

Anfang Juni dieses Jahres wurde Christiane Wendel in der Reha-Einrichtung aufgenommen: „Es gab einige Tests und eine Reihe von ärztlichen Gesprächen, dann habe ich mit Ausdauer-, Koordinations- und Entspannungs­training begonnen“, berichtet sie. Beim Schwimmen und Nordic Walking lernte sie, wie man unter Belastung richtig atmet, und stellte schon nach 14 Tagen erste Fortschritte fest. „Nur meine Konzentrations­schwäche machte mir noch Sorgen“, sagt sie.

Viele Organsysteme sind betroffen

„Wir haben bei den Covid-Fällen sehr schnell gesehen, dass nur wenige Betroffene ausschließlich mit Lungen­problemen zu uns kamen“, sagt Dr. Michael Stegbauer. Er ist ärztlicher Direktor der BG Klinik in Bad Reichenhall. Dort stehen normaler­weise mehr als 220 Reha-Plätze zur Verfügung, ihre Anzahl musste jedoch wegen der Corona­virus-Vorsichts­maßnahmen auf 180 reduziert werden. Etwa 35 berufs­bedingt erkrankte Reha-Patientinnen und -Patienten, jene, die sich am Arbeitsplatz infiziert haben, werden dort jeweils vier bis sechs Wochen lang wegen ihrer Post-Covid-Beschwerden behandelt. „Sehr oft sehen wir uns mit schweren Schädigungen am Herzen und am zentralen Nerven­system konfrontiert. Das geht häufig einher mit Schlaf­losig­keit, Angst­störungen, Stimmungs­schwankungen und dem Fatigue-Syndrom“, erklärt der Facharzt für Arbeits- und Allgemein­medizin. Nach den Worten Stegbauers könne man bei Post Covid nicht von einem abgegrenzten Krankheits­bild sprechen, es gebe mehr als 200 Symptome, die beschrieben wurden, und etwa zehn Prozent aller Betroffenen würden unter Spätfolgen leiden. Es wird unterschieden zwischen Long Covid, das unmittelbar auf eine akute Covid-Infektion folgt, und Post Covid, das ein Krankheits­bild ab der zwölften Woche nach der Infektion beschreibt.

Alle Patientinnen und Patienten, die in Bad Reichenhall therapiert werden, waren ungeimpft, hatten sich Mitte des Jahres 2020 infiziert, als Impfstoffe noch nicht ausreichend zur Verfügung standen. Viele von ihnen arbeiten im Gesundheits­wesen. Gerade junge Frauen mit einem aktiven Immun­system seien häufig betroffen. Dr. Stegbauer spricht in diesen Fällen von einer „Über­reaktion des Immun­systems“, die sie anfälliger für heftige Beschwerden einer Covid-Infektion mache. „Wir sehen, dass leistungs­orientierte Menschen besonders leiden“, erläutert der Klinik­leiter weiter, „und vor allem mentale Beeinträchtigungen machen vielen zu schaffen.“ Deshalb spiele zusätzlich zur Betrachtung aller wichtigen Organ­systeme bei einer Long-Covid-Reha die psychologische Komponente eine wichtige Rolle: „Wir haben hier in Bad Reichenhall das Personal und das Know-how für eine individuelle und inter­disziplinäre Therapie.“ Auch Fall-Manager Ronny Nolle und das Team der VBG standen Christiane Wendel während des gesamten Genesungs­prozesses zur Seite.

Freuen sich, wieder gemeinsam im Büro zu sein: Christiane Wendel und ihr Chef Kay-Uwe Sachse.
Freuen sich, wieder gemeinsam im Büro zu sein: Christiane Wendel und ihr Chef Kay-Uwe Sachse.
Foto: VBG/Thomas Eisenhut

Nicht beschwerdefrei – aber deutliche Besserung

Trotz aller Bemühungen sei nicht davon auszugehen, dass alle Patientinnen und Patienten die Rehaklinik völlig beschwerde­frei verlassen könnten. „Doch den allermeisten geht es deutlich besser“, sagt Stegbauer, der auf Basis einer laufenden Studie auch Maßnahmen für die Nach­betreuung verbessern möchte. Er verweist auf die Arbeit der Fall- und Reha-Manager der Unfall­versicherungs­träger, die Betroffene vor Ort betreuen und sie zum Beispiel bei einer stufen­weisen Wieder­ein­gliederung in den Beruf unter­stützen.

„Ganz wichtig für mich ist, dass ich auch gelernt habe, die Leistungs­fähigkeit meines Körpers einschätzen zu können“, sagt Christiane Wendel. Sie ist nach der Reha wieder bei 85 Prozent angekommen, wie sie selbst sagt. „Solange ich weiß, was auf mich zukommt, kann ich inzwischen im Alltag jede Heraus­forderung meistern“, sagt sie. Sie geht wieder wandern und macht Zumba, ein Fitness­training, das Aerobic mit latein­amerikanischen Tänzen kombiniert. Und Christiane Wendel freut sich, das zu tun, was sie seit mehr als 20 Jahren voller Freude macht: Sie geht ihrer Arbeit nach – im Wechsel zwischen Homeoffice und Büro. Kay-Uwe Sachse: „In dem Bereich hat uns die corona­bedingte Umbruch­phase wirklich voran­gebracht.“

VBG vermittelt Reha-Plätze meist zügig

Und auch die Vermittlung der Patientinnen und Patienten in die Reha­zentren verläuft jetzt deutlich schneller, als dies noch zum Jahres­beginn 2021 möglich war. „Die Meldungen von Infektionen am Arbeits­platz mit Lang­zeit­folgen haben leider erheblich zugenommen“, berichtet Fall-Manager Nolle. „Wir können allerdings heute zügig nach Check­listen arbeiten und haben Routinen entwickeln können.“ Routinen, von denen der Fall-Manager gehofft hatte, dass sie durch eine hohe Impfquote wieder über­flüssig werden würden. Doch leider gelten immer noch die Hinweise des Robert Koch-Instituts (RKI), dass fast alle Infektionen und vor allem die schweren Corona-Krank­heits­verläufe nur noch bei Ungeimpften auftreten. Wie Unternehmen das Impfen unter­stützen können: https://www.certo-portal.de/artikel/verantwortung-leben-impfen-best-practice-fuer-unternehmen/

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