Zur Startseite
Zur VBG Startseite
Logo Certo
Coworking-Space
Foto: VBG/Firat Kara

Co-Working trotz CoronaWie eine Schulklasse, die neue Regeln braucht

Wie gelingt pandemiegerechter Arbeitsschutz in Co-Working-Spaces? Das Hamburger Betahaus durchlief einen radikalen Wandel und macht vor, wie es geht.

Jede volle Stunde, ganze neun Mal am Tag surrt der Alarm von Smartphones in den Büros des Betahauses. Dann greifen Co-Workerinnen und Co-Worker, die hier zwischen vielen leeren Tischen und Stühlen sitzen, zu Winterjacke, Decke oder Wärmflasche. Denn jetzt ist Zeit fürs Stoßlüften. Jedes Fenster wird geöffnet, sodass klare Winterluft durch die Räume zieht. Es wird ungemütlich kalt.

Wenn Teelke Meyer oder ihre Kolleginnen und Kollegen im Betahaus durch die drei Etagen des Co-Working-Spaces gehen und ihre notwendige Pflicht in der Pandemie-Zeit tun, ernten sie auch mal mürrische Kommentare. Eigentlich ist Teelke Meyer als Head of Community Management diejenige, die dafür sorgt, dass alle sich wohlfühlen, dass der Gemeinschaftscharakter in den Büros erhalten bleibt. Aber es hilft nichts. Das Lüften ist nur eine von vielen Maßnahmen zum Schutze aller im Kampf gegen das Virus.

Heimat der Unicorns

Coworking-Space Stuhlkreis

Gähnende Leere im Konferenzraum. Ganz selten finden hier noch Meetings statt.

Foto: VBG/Firat Kara

Als im März 2020 die Pandemie über die Welt hereinbrach, wurden nicht wenige Co-Working-Spaces daran erinnert, dass Arbeitsschutz in Deutschland nicht nur eine wichtige Rolle spielt, sondern gesetzlich verpflichtend ist. Und dass diese Regelungen bei einer grassierenden Pandemie sogar um ein Vielfaches verschärft werden müssen. Auch das Betahaus stand vor dieser schwierigen Aufgabe. Denn allein in Hamburg zählt das Co-Working-Space an zwei Standorten rund 450 Mitglieder.

Keine leichte Aufgabe, denn das Betahaus ist die Heimat freigeistiger Freiberuflerinnen und Freiberufler. Junge Kreative oder Softwareentwicklerinnen und -entwickler mit grünen Ideen sitzen hier. Gründerinnen und Gründer von Start-ups, die Plastik recyceln oder auf nachhaltige Fleischproduktion setzen. Das Konzept Tisch, Stuhl, Internet gibt es hier schon für eine niedrige monatliche Gebühr. Die meisten kommen auch, um Teil der Gemeinschaft zu werden. In diese lockere Atmosphäre passten bisher nicht allzu viele Regeln. Bis Corona kam.

Das Netzwerk funktioniert

„Ich vergleiche das Betahaus in dieser Zeit oft mit einer Schulklasse, die neue Regeln braucht“, sagt Teelke Meyer. Verantwortliche mussten ein völlig neues Konzept erarbeiten. Das Betahaus setzte hier auch auf das Beratungsangebot der VBG. COO Mathias Zinke, zuständig für das operative Tagesgeschäft, führte Gespräche mit der VBG zu Maßnahmen für Arbeitssicherheit. Laila Mogaji, zuständig für Prävention bei der VBG, übernahm eine erste Beratung und machte mit Mathias Zinke einen Rundgang durch alle Etagen des Betahauses.

Teelke Meyer

Teelke Meyer, Head of Community, achtet darauf, dass Co-Worker sich trotz der Regeln noch wohlfühlen.

Foto: VBG/Firat Kara

Bei dieser Beratung ging es neben den Maßnahmen zur Umsetzung des SARS-Cov-2-Arbeitschutzstandards auch um grundlegende Maßnahmen für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, beispielsweise die ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze im Betahaus oder die Erstellung einer Gefährdungsbeurteilung, die für alle Unternehmen verpflichtend ist. In der aktuellen Lage gilt es, die Gefährdungsbeurteilung um das Thema Pandemie zu ergänzen. Auch die Erstellung eines Hygieneplans ist verpflichtend. Dazu berät die VBG ihre Mitgliedsunternehmen und stellt unter anderem branchenspezifische Handlungshilfen zur Verfügung. Den Umsetzungsprozess dieser Maßnahmen im Betahaus wird die VBG weiterhin begleiten.

Neben der Beratung durch die VBG setzte das Betahaus auch auf weitere Kontakte. Es gab Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten, einem Virologen und einem Experten für Luftfilteranlagen.

Hinzu kommt in Co-Working-Spaces noch die Besonderheit, dass viele Mitglieder selbst Unternehmerinnen oder Unternehmer mit einem oder mehreren Mitarbeitenden sind. Und dass diese Kleinstunternehmen ebenfalls im Betahaus dafür sorgen müssen, den bestmöglichen Arbeitsschutz für ihre Mitarbeitenden zu gewährleisten. All das galt es zu berücksichtigen und auseinanderzudividieren. Wer ist für was verantwortlich? Wer muss welchen Schutz gewährleisten?

Der neue Plan ist inzwischen deutlich sichtbar: So wurde die komplette Sitzordnung verändert, die Zahl der Tische drastisch reduziert. Ganze Bereiche, etwa Chill-out-Lounges oder Kaffeeküchen, wurden abgesperrt. Auch am Platz besteht inzwischen Maskenpflicht. Und Meetings sind selbstverständlich auch hier nur erlaubt, wenn der Abstand von 1,5 Metern eingehalten werden kann, wofür in großen Räumen Markierungen auf dem Boden angebracht wurden.

Wer an diesen Tagen durch die drei Etagen läuft, sieht verwaiste Meetingräume, unzählige Hinweisschilder. Trennwände, Luftfilter, Desinfektionsmittel finden sich auf jeder Etage. Viele Co-Workerinnen und Co-Worker haben sich in kleine Telefonboxen zurückgezogen, um der Zugluft zu entgehen. „Das Spannende ist eigentlich, dass viele Co-Workerinnen und Co-Worker trotzdem kommen, obwohl es so ungemütlich ist“, sagt Teelke Meyer. Überraschenderweise meldeten sich auch neue Mitglieder an. Viele kamen, weil es ihnen von Unternehmen untersagt wurde, in die Büros zu kommen, daher wollten sie sich im Betahaus einen Platz sichern. Und die beziehungsweise der ein oder andere flüchtete auch vor Pressluftbohrern, denn die Zahl der Hamburger Baustellen steigt in der Corona-Krise immens.

UX-Designer Felix Hannemann findet, dass das Betahaus einige Tage eine gute Alternative zum Home Office ist.
UX-Designer Felix Hannemann findet, dass das Betahaus einige Tage eine gute Alternative zum Home Office ist. Foto: VBG/Firat Kara

An diesem Tag ist auch UX-Designer Felix Hannemann hier. Er sitzt als Einziger im vorderen Bereich des ersten Floors und blickt über die Maske auf den Bildschirm seines Laptops. Mit zwei Freunden baut er das Social-Start-up Purpozed auf, eine Plattform, auf der Mitarbeitende ehrenamtlich Engagements finden können. Die Kollegen sieht er aktuell nur digital. Seine Zeit im Betahaus sei auch eine Auszeit von der Familie. „Ich versuche, so oft wie möglich zu Hause zu sein. Aber wir haben zwei Kinder, da ist es nicht immer leicht, sich am Küchentisch zu konzentrieren“, sagt er. Verständnis für die Maßnahmen hat er schon. Nur das ständige Lüften findet er manchmal übertrieben.

50 Prozent Umsatzeinbruch

„Am meisten schmerzt uns der Einbruch bei den Veranstaltungen“, sagt Teelke Meyer. Nicht nur, dass die Zehnjahresfeier abgesagt werden musste. Einen großen Teil des Umsatzes macht das Betahaus mit Events. „Alle großen deutschen Firmen haben sich hier schon die Klinke in die Hand gegeben“, sagt Teelke Meyer. Zu Beginn des Jahres kämen in der Regel die meisten Buchungen für Veranstaltungen. 50 Prozent des Umsatzes brechen mit der Pandemie also weg. „Glücklicherweise retten uns staatliche Hilfen und flexible Lösungen bei Kurzarbeit“, sagt Teelke Meyer.

Und die Treue der Mitglieder, die sich auf die Zeit nach Corona freuen. Wenn das Betahaus wieder ein Ort wird, an dem es darum geht, Kontakte zu knüpfen und nicht, diese zu vermeiden. „Die Zehnjahresfeier“, sagt Teelke Meyer, „die holen wir dann auf jeden Fall nach.“

Wie steht es um Arbeitssicherheit in Ihrem Start-up? Hilfreiche Infos hat die VBG hier zusammengefasst.

Veröffentlicht am

Das könnte Sie auch interessieren

Certo durchsuchen...