Zur Startseite
Zur VBG Startseite
Logo Certo
Dr. Dirck Süß, Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI)
Foto: Ulrich Perrey/Handelskammer Hamburg

TrendsWas 2022 wichtig wird

Umsatz- und Liquiditätseinbußen, gestörte Lieferketten, zusätzlicher Aufwand beim Arbeitsschutz – die Coronavirus-Pandemie stellt viele Unternehmen seit mehr als eineinhalb Jahren vor besondere Herausforderungen. Was bleibt aus dieser Zeit? Wie geht es weiter? Dr. Dirck Süß, Geschäftsführer des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), hat mit Certo die Trends, die die Wirtschaft 2022 bewegen werden, diskutiert.

Herr Dr. Süß, auch wenn wir optimistisch in die Zukunft schauen, ist allen klar, dass die Corona­virus-Pandemie unser Leben und Wirtschaften in den letzten 20 Monaten auf den Kopf gestellt hat. Welche Lehren lassen sich daraus ziehen?
Dr. Dirck Süß: Die Pandemie war ein Big Bang, eine totale Überraschung, mit der niemand gerechnet hatte. Im Großen und Ganzen hat Deutschland die Heraus­forderung bislang gut gemeistert. Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen haben darauf vertraut, dass unser rechts­staatliches politisches System und die Verwaltung funktionieren. Und fast alle haben mitgespielt: Die Bürgerinnen und Bürger sind zu Hause geblieben und haben ihre Masken aufgesetzt, die Gastronomie hat geschlossen, die Unternehmen haben ihre Mitarbeitenden nach Hause geschickt. Auch die Institutionen haben funktioniert: zum Beispiel das RKI, die STIKO, die Universitäten und Forschungs­einrichtungen. Überhaupt hat die Wissenschaft eine große Rolle gespielt, wie selten zuvor. In der Krise haben sich politische Entscheidungen an wissenschaftlichen Empfehlungen orientiert.

Das Vertrauen, dass in Deutschland alles rechtmäßig und richtig läuft, war im Großen und Ganzen vorhanden, und das war essenziell. Der Staat ist gut beraten, dieses Vertrauen weiter zu erhalten. Allerdings sind zwei Mängel deutlich geworden. Wir sind an die Grenzen des Föderalismus geraten. Die Politik muss sich darüber klar werden, in welchen Strukturen Krisen­management zukünftig statt­finden soll. Und es ist offenkundig geworden, dass die Verwaltung beim Thema Digitalisierung noch sehr viel aufholen muss. Die Unternehmen sind hier deutlich weiter. So hat zum Beispiel die Verlagerung von der Arbeit ins Homeoffice weitest­gehend reibungs­los geklappt.

Arbeit im Homeoffice gehört für zahlreiche VBG-Mitglieds­unternehmen und andere Firmen mittler­weile zum Alltag. Werden die neuen Erfahrungen das Arbeits­leben lang­fristig verändern?
Die Unternehmen haben dazugelernt. Die Krise hat bewiesen, dass vieles, was man nicht für möglich gehalten hat, funktioniert. Sie wissen jetzt, dass mobiles Arbeiten effektiv sein kann. Ein wichtiger Faktor dabei ist das Thema Kommunikation. Im Homeoffice muss viel standardisierter kommuniziert werden, per Mail zum Beispiel oder in Videokonferenzen, die formeller sind als Präsenz­meetings. Man fasst sich kürzer und kommt direkt auf den Punkt. Die zwischen­menschliche Komponente bleibt dabei auf der Strecke. Die Unternehmen werden sich darum kümmern müssen, dass die Kommunikation weiterhin funktioniert und dass es genug Formate gibt, in denen die Mitarbeitenden direkt zusammenkommen. Das ist wichtig für kreative Prozesse und hat auch mit Produktivität zu tun.

Hat das neue Arbeiten auch Auswirkungen auf die Führungs­kultur?
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben durch die räumliche Distanz mehr Freiräume; das bedeutet aber, dass sie genauere Vorgaben brauchen. Es wird stärker dazu kommen, dass Ziele definiert werden und der Erfolg der Mitarbeitenden daran gemessen wird, inwieweit diese Ziele auch erreicht werden. Die Fragen, wie lange und wo gearbeitet wird, treten in den Hintergrund. Das steigert Verbindlichkeit und das Verantwortungs­gefühl bei den Mitarbeitenden, braucht aber Zuverlässigkeit von beiden Seiten.

Wie lässt sich Führung mit Freiräumen verbinden?

Tipps und Infos rund um die indirekte Führung durch Ziele gibt es hier.

Mehr Informationen

Wie wird die Digitalisierung die Geschäfts­modelle des Mittel­stands verändern?
In der Krise haben viele Unternehmen auf die neuen Heraus­forderungen reagiert und dafür gesorgt, dass die Wirtschaft weiterlief. Die Digitalisierung hat es ermöglicht, dass betriebliche Abläufe umgestellt und Mitarbeitende ins Homeoffice geschickt werden konnten.

Das ging nicht in allen Branchen. Dennoch wirkt sich die Digitalisierung auf alle Branchen aus, alle Unternehmen sind davon betroffen. Sie spielt selbst bei vergleichs­weise kleinen Dienst­leistungen eine immer größere Rolle. Nehmen Sie eine Pizzeria: Sie bestellt Waren auf digitalen Plattformen, stellt dort Mitarbeitende ein. Im Internet werden Tische reserviert oder Liefer­services bestellt.

Gerade kleinen KMU fehlt es manchmal an digitaler Kompetenz. Brauchen sie in dieser Hinsicht Unterstützung?
Neben der Bereitschaft zur Transformation brauchen vor allem die kleinen Unternehmen gute Rahmen­bedingungen und einen fairen Wettbewerb. Dafür ist eine vernünftige Infra­struktur erforderlich. Wir brauchen tatsächlich ein schnelles und sicheres Internet bis zur berühmten letzten Milchkanne. Darüber hinaus müssen die Rahmen­bedingungen so gestaltet werden, dass auch kleine Unternehmen in einem funktionierenden Wettbewerb gegen globale Unternehmen bestehen können. Zu Informations­möglichkeiten und zum Austausch können Kammern und Verbände beitragen, genauso wie Politik und Verwaltung. Die Förder­initiative Mittelstand 4.0 vom Bundes­wirtschafts­ministerium ist ein gutes Beispiel, wie man die Transformation in kleinen und mittel­ständischen Unternehmen unterstützen kann.

Ist Nachhaltigkeit schon heute ein Wettbewerbs­vor­teil? Wie wichtig ist das Thema für den Geschäfts­erfolg?
Unsere Gesellschaft ist für dieses Thema bereits sensibilisiert, durch Fridays for Future zum Beispiel, durch die Klimakrise oder durch eine bessere Informations­lage über Produktions­bedingungen in anderen Ländern. Das hat das Konsum­verhalten schon verändert und wird es weiter tun. Nicht von heute auf morgen, aber in einem stetigen Prozess. Zum anderen gibt es Unternehmen, die als Pioniere schon länger in dem Bereich agieren – wie der Versand­händler Otto zum Beispiel oder auch die Firma Tchibo, die sehr auf ihre Liefer­ketten achtet. Und auch der Gesetzgeber hat reagiert, durch Vorschriften für höhere Umwelt­standards, durch Vorgaben für nachhaltige Liefer­ketten, durch die Bepreisung von CO2. Die Unternehmen müssen da genau hinschauen: Der Trend wird sich nicht mehr aufhalten lassen und wird auch in der Breite des Marktes ankommen.

In vielen Branchen ist der Fachkräfte­mangel ein immer größeres Problem. Wie können wir zur Entlastung beitragen?
Vor der Coronavirus-Krise war laut einer Umfrage der Handelskammer Hamburg der Fachkräfte­mangel mit 60 Prozent das größte Geschäfts­risiko. In der Krise ist die Zahl auf 45 Prozent zurück­gegangen, steigt jetzt aber wieder an. Es bleibt für die Unternehmen also ein ganz wichtiges Thema. Dem Fachkräfte­mangel können wir nur durch einen Mix an Maßnahmen begegnen. Wir müssen die Einwanderung erleichtern, an der Integration arbeiten und dafür sorgen, dass die benötigten Fachkräfte kommen können und wollen. Ein anderer Aspekt ist, die Erwerbs­beteiligung zu erhöhen, dort wo sie noch dünner ist. Also Bedingungen schaffen, dass mehr Frauen tatsächlich Arbeit annehmen können – und mehr Menschen mit Handicap zum Beispiel. Und viele Unternehmen versuchen bereits, sich als attraktiver Arbeitgeber darzustellen. Sei es durch das Image, das sie sich geben, durch Sonderleistungen im Gesundheits- und Weiter­bildungs­bereich oder durch flexible Arbeits­bedingungen und Homeoffice.

Deutschland ist vielen Ländern für seine umfassenden Regelungen für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit ein Vorbild. Werden immer mehr Länder diesem folgen, oder sind diese Themen international gesehen von unter­geordneter Bedeutung?
Wir sind sicherlich einer der Vorreiter in der Welt, was das Thema Sicherheit und Gesundheit am Arbeits­platz angeht, und ich glaube, das ist eine Frage der wirtschaftlichen Entwicklung. Mit wachsendem Wohlstand treten diese Dinge stärker in den Vordergrund. Man muss auch sehen, dass zwischen guten Arbeits­bedingungen und Produktivität eine Wechsel­beziehung besteht: Je besser die Bedingungen sind, umso höher ist die Produktivität. Es lohnt sich also, in diese Dinge zu investieren – allerdings nur bis zu einem gewissen Maße, weil sonst der Kosten­nach­teil zu hoch wird. Notwendig ist also eine gesunde Balance, sonst kommt es zu Überregulierung, und es besteht die Gefahr, das Produktivitäts­wachstum einzuschränken. Beim Liefer­ketten­gesetz dürfen wir nicht alles nur durch die deutsche Brille betrachten. Man kann deutsche Standards, die sich bei uns über lange Zeit entwickelt haben, nicht anderen Ländern und Regionen von heute auf morgen überstülpen. Man muss den Ländern zugestehen, auch ihren eigenen Weg zu finden.

Welche Empfehlungen geben Sie deutschen Unternehmerinnen und Unternehmern für das Jahr 2022? Welche weiteren Trends müssen sie beachten?
Über die Digitalisierung haben wir bereits gesprochen, die wird weiter in alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche vordringen. Das ist eine große Chance, solange sie Vorteile für Konsumentinnen und Konsumenten darstellt. Auf der anderen Seite schafft sie eine Abhängigkeit von Technologie. Wir haben gesehen, was es bedeutet, wenn das Internet mal ausfällt. Datenschutz ist ein riesiges Thema, Hackerangriffe haben gezeigt, wie verwundbar die digitale Infrastruktur sein kann.

Ein anderer Trend sind geopolitische Veränderungen. Mit dem anhaltenden Aufstieg Chinas erleben wir eine Verschiebung der Macht­verhältnisse in Richtung Osten. Die Blockade des Suezkanals durch die Ever Given und ihre Folgen für die Weltwirtschaft haben im Übrigen gezeigt, wie anfällig die globale Infra­struktur sein kann. Solche Entwicklungen werden das Risiko­bewusst­sein der Unternehmen stärker schärfen und dazu führen, dass sie diversifizieren und sich breiter aufstellen, um die Resilienz zu erhöhen. Unternehmen werden sich mehrere Optionen für Zulieferung und Produktion, aber auch Absatzwege offenhalten.

Auch die Neo-Ökologie mit mehr Druck zu Nachhaltigkeit wird als Trend wichtiger. Die Menschen ändern ihr Konsumverhalten, die Krisen werden offen­kundiger und spürbarer, und auch der Gesetzgeber reagiert auf diese Veränderungen. Ich meine auch, bei Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern ein verstärktes Bewusstsein dafür fest­zu­stellen, selbst einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Welt ein bisschen besser wird.

UmfrageWelches Thema beschäftigt Ihr Unternehmen vorrangig in 2022?

  • Pandemie
  • Digitalisierung
  • Nachhaltigkeit
  • Keines der genannten
Ergebnis anzeigen

Die Umfrage läuft bis zum 31.1.2022.

Veröffentlicht am

Das könnte Sie auch interessieren

Certo durchsuchen...