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Serie „Interessierte Selbstgefährdung“Praxistipp: Krank ins Büro? Gehen Sie nach Hause!

Arbeiten im Urlaub, Erreichbarkeit nach Feierabend, Qualitätsreduktion im Job – das Phänomen „Interessierte Selbstgefährdung“ hat viele Facetten. In einer achtteiligen Serie erklärt VBG-Arbeitspsychologin Elisa Bradtke, wie man die eigenen Grenzen wahrt und Interessierter Selbstgefährdung im Berufsalltag aktiv vorbeugen kann.

In Teil 4 dieser Serie: Was Führungskräfte tun können, damit Beschäftigte nicht krank ins Büro kommen.

Illustration "Krank auf Arbeit"
Foto: VBG/Jochen Schievink

Wegen einer Erkältung zu Hause bleiben? Das kommt für viele Beschäftigte oft nicht infrage. Fehlende Vertretungs­regelungen, die Sorge vor einem eventuellen Job­verlust oder ein sehr hohes Pflicht­bewusst­sein können Gründe für „Präsentismus“ – also die Anwesen­heit im Büro trotz Krank­heit – sein. Doch wer mit Halsweh, Husten oder Schnupfen zur Arbeit geht, ignoriert nicht nur die eigenen gesund­heitlichen Grenzen und die seines Arbeits­umfelds, sondern schadet auch dem Unter­nehmen. Kranke Beschäftigte sind weniger leistungs­fähig. Es kommt zu Produktivitäts­verlusten, und lang­fristig steigt das Risiko für Arbeits­unfähig­keit.

Welche Vorbildrolle haben Führungs­kräfte, und wie lässt sich Präsentismus vorbeugen?

Tipp 1: Kranksein möglich machen

Es ist immer wichtig, zu hinter­fragen, warum Beschäftigte krank zur Arbeit kommen. Bleibt die Arbeit im Krank­heits­fall liegen, da es keine geregelte Vertretung gibt? Sind alle so aus­gelastet oder arbeiten so eng getaktet, dass die Vertretungs­regelung auf dem Papier in der Praxis nicht greift? Müsste ich nach meiner Krank­heit Über­stunden leisten, um die liegen gebliebenen Aufgaben auf­zu­arbeiten? Lautet die Antwort Ja, ist es wahr­scheinlich, dass Beschäftigte auch krank zum Dienst erscheinen. Umso wichtiger ist es, Arbeit so zu organisieren, dass Puffer für mögliche Aus­fall­tage eingeplant werden, praktikable Vertretungen klar geregelt sind und die entsprechenden Personen auch qualifiziert sind, die zu vertretenden Aufgaben zu erfüllen. Wichtige Informationen müssen für alle Betroffenen transparent zugänglich sein.

Tipp 2: Vorbild Führungs­kraft

Führungskräfte sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Sitzen Chefin oder Chef schniefend und hustend im Meeting, setzen sie das Zeichen, dass zum Krank­sein keine Zeit bleibt und dass ein Ansteckungs­risiko noch lange kein Grund ist, zu Hause zu bleiben. Beschäftigte eifern diesem falschen Vorbild nach und kommen eben­falls krank zu Arbeit. Um die Gesund­heits­kompetenz der Beschäftigten zu fördern, ist es somit umso wichtiger, seine eigenen gesund­heitlichen Grenzen als Führungs­kraft ernst zu nehmen und im Krank­heits­fall zu Hause zu bleiben. 

Tipp 3: Den Dialog suchen

Beobachten Führungskräfte bei ihren Beschäftigten den oben beschriebenen „Präsentismus“, ist es wichtig, dieses Verhalten in einem vertraulichen Gespräch anzusprechen. Gemeinsam sollte hinter­fragt werden, warum der Beschäftigte krank ins Büro kommt. Zudem ist es wichtig, zu klären, welche Unter­stützung von Arbeit­geber­seite erfolgen kann, damit erkrankte Beschäftigte sich komplett auf ihre Genesung konzentrieren können, um schnellst­möglich wieder zu 100 Prozent einsatz­fähig zu sein. 

 

Logo mitdenken 4.0

Die Arbeitswelt im Umbruch verlangt nach neuen Ansätzen, um Gesundheit und Motivation der Beschäftigten mit betrieblichen Notwendig­keiten sinnvoll zu vereinen. Das Projekt „Mitdenken 4.0 – Neue Präventions­ansätze für Arbeits­prozesse in der Büro- und Wissens­arbeit“ forscht hier an Lösungen.

„Interessierte Selbstgefährdung“

Bedeutung:
Von „Interessierter Selbst­­gefährdung“ ist die Rede, sobald Beschäftigte frei­willig über ihre Belastungs­­­grenzen hinaus­­­gehen und ihre Gesund­­heit gefährden, um Arbeits­­ziele zu erreichen. 

Mögliche Ursachen:
Wird in Unternehmen etwa über Ziel­vereinbarungen oder über die Orientierung an Benchmarks geführt, kann es dazu kommen, dass Angestellte die volle Verantwortung für ihren beruflichen und den über­­­geordneten unter­­­nehmerischen Erfolg auf sich nehmen und zunehmend wie Selbst­­­ständige agieren. 

Mögliche Folgen:
Einerseits bietet das Führen über Ziele Chancen: Eine hohe Autonomie in der eigenen Arbeit kann die Zufrieden­­­heit erhöhen. Sind die kommunizierten Ziele anderer­­seits jedoch zu starr oder unrealistisch gesetzt, sinken Produktivität, Arbeits­­­qualität und Motivation. Es kann zu negativen Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit kommen. 

Mehr zum Thema „Interessierte Selbstgefährdung“ finden Sie hier.

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