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Serie „Interessierte Selbstgefährdung“Praxistipp: Klare Grenzen im Berufsalltag

Krank zur Arbeit, immer erreichbar, regelmäßige Überstunden – das Phänomen „Interessierte Selbstgefährdung“ hat viele Facetten. In einer achtteiligen Serie erklärt VBG-Arbeitspsychologin Elisa Bradtke, wie man die eigenen Grenzen wahrt und Interessierter Selbstgefährdung im Berufsalltag aktiv vorbeugen kann.

Teil 1 dieser Serie: Strategien gegen das „Ausdehnen der Arbeitszeit“.

Arbeiten im Urlaub
Foto: VBG/Jochen Schievink

Schluss. Aus. Feierabend. Vielen Menschen fällt es schwer, die Grenzen zwischen Arbeit und Frei­zeit zu wahren – Halb­tags­kräfte, die E-Mails am Nach­mittag von zu Hause aus bearbeiten, oder Angestellte in Voll­zeit, die ihren Arbeits-Laptop wie selbst­verständlich mit in den Urlaub nehmen. Gerade in modernen Unter­nehmen sind die Hierarchien oft flach, die Atmosphäre familiär und locker, gemeinsame soziale Aktivitäten verschieben die berufliche Sphäre ins Private. 

Wie gelingt die sozial­verträgliche Abgrenzung, auf welche Signale sollten Führungs­kräfte achten?

Erwartungen kommunizieren, klare Regeln schaffen

Zahl eins

Erreichbarkeit darf nicht selbst­verständlich sein. Gerade in kleinen Unter­nehmen, in denen der Umgang familiär ist, ist es wichtig, sich über den Sinn gemeinsamer sozialer Aktivitäten und über das Thema Erreich­bar­keit zu verständigen. Oft werden bereits etablierte Verhaltens­weisen von neuen Angestellten unbewusst übernommen. Liest der Kollege oder die Kollegin E-Mails nach Feier­abend, antwortet direkt und ist bei jeder sozialen Aktivität dabei, mache ich das als Neu­zugang ebenfalls. Hilf­reich ist es, etwa in Team­besprechungen Erwartungen mit Kolleginnen und Kollegen sowie den Führungs­kräften abzugleichen und die eigenen zu kommunizieren. Von Vorteil ist zudem eine transparente Regelung der internen Organisation. Vertretungen, Erreichbar­keits­zeiten und -wege sowie Reaktions­zeiten auf Anfragen im Team sollten definiert werden.

Sich eigene Grenzen bewusst machen, auf Erholungsphasen achten

Zahl zwei

Ein wichtiger Schritt ist, sich selbst bewusst zu machen, wie häufig und wie lange man nach Feier­abend arbeitet oder erreich­bar sein will. Zu hohe Verfügbar­keits­anforderungen führen lang­fristig zu Erschöpfung und gesund­heitlichen Problemen. Die Zeiten der eigenen Erreichbar­keit sollten eingehalten und klar nach außen kommuniziert werden. Eben­falls wichtig: auf Erholungs­phasen achten. Smart­phones und Tablets, die beruflich und privat genutzt werden dürfen, lassen die Grenze zwischen Arbeits- und Privat­leben verschwimmen. Es ist hilfreich, die Push-Funktionen für E-Mails aus­zuschalten oder unter­schiedliche Geräte für die private und berufliche Kommunikation zu nutzen. 

Auf die richtigen Signale achten

Zahl drei

Wenn man im Team aufeinander Rücksicht nimmt und die Freizeit der Kolleginnen und Kollegen wie vereinbart respektiert, ist eine gut gestaltete Erreich­bar­keit möglich – eine Erreich­bar­keit also, die steuer- und vor­her­seh­bar sowie auch vorteil­haft für die oder den Einzelnen ist.

Dabei sind folgende Fragen zur Selbst­reflexion hilf­reich:

  • Welche Signale sende ich an die Kolleginnen und Kollegen oder Führungs­kräfte? 
  • Organisiere ich die Zusammen­arbeit so, dass ich mich an die normalen Arbeits­zeiten halte? 
  • Priorisiere ich, ob eine Anfrage so wichtig ist, dass ich eine Kollegin im Urlaub stören muss? 
  • Nutze ich die Erreich­bar­keit anderer aus, indem ich mich nicht an Vertretungs­regelungen halte?

 

Logo mitdenken 4.0

Die Arbeitswelt im Umbruch verlangt nach neuen Ansätzen, um Gesundheit und Motivation der Beschäftigten mit betrieblichen Notwendig­keiten sinn­voll zu vereinen. Das Projekt „Mitdenken 4.0 – Neue Präventions­ansätze für Arbeits­prozesse in der Büro- und Wissens­­arbeit“ forscht hier an Lösungen.

„Interessierte Selbstgefährdung“

Bedeutung:
Von „Interessierter Selbstgefährdung“ ist die Rede, sobald Beschäftigte freiwillig über ihre Belastungsgrenzen hinausgehen und ihre Gesundheit gefährden, um Arbeitsziele zu erreichen. 

Mögliche Ursachen:
Wird in Unternehmen etwa über Zielvereinbarungen oder über die Orientierung an Benchmarks geführt, kann es dazu kommen, dass Angestellte die volle Verantwortung für ihren beruflichen und den übergeordneten unternehmerischen Erfolg auf sich nehmen und zunehmend wie Selbstständige agieren. 

Mögliche Folgen:
Einerseits bietet das Führen über Ziele Chancen: Eine hohe Autonomie in der eigenen Arbeit kann die Zufriedenheit erhöhen. Sind die kommunizierten Ziele andererseits jedoch zu starr oder unrealistisch gesetzt, sinken Produktivität, Arbeitsqualität und Motivation. Es kann zu negativen Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit kommen. 

Mehr zum Thema „Interessierte Selbstgefährdung“ finden Sie hier.

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