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Anna von Hinüber vergleicht ihre Tätigkeit als Unternehmerin mit einem Aufzug: „Es geht auf und ab.“
Foto: VBG/Alexandra Beier

Nachfolge im Familienunternehmen„Eine gute Sache verkauft sich von selbst“

Das 1861 gegründete Unternehmen Schmitt & Sohn Aufzüge befindet sich in sechster Generation in Familienhand. Anna von Hinüber, geborene Schmitt, hat 2015 den Chefsessel bezogen – obwohl oder vielleicht gerade weil sie das eigentlich nicht vorhatte.

Frau von Hinüber, Sie haben Jura studiert und eine eigene Kanzlei geführt. Was hat Sie dazu bewogen, doch im Familien­unter­nehmen anzuheuern?
Das war eine ganz natürliche Entwicklung. Mein Vater hatte mich im Jahr 2007 zunächst darum gebeten, an zwei Tagen pro Woche die Rechts­abteilung auf­zu­bauen. Im Lauf der Zeit habe ich immer mehr Bereiche über­nommen. In erster Linie ging es neben allen rechtlichen Belangen um die Verantwortung für Marketing und Personal. Als mein Vater mich nach acht Jahren fragte, ob ich mir vor­stellen könne, Mitglied der Geschäfts­führung zu werden, war ich nicht überrascht. Das, was ich sowieso schon täglich tat, auch auf der Visiten­karte stehen zu haben war in gewisser Weise der nächste natürliche Schritt.

Wie alle Externen mussten Sie sich als geschäfts­führende Gesellschafterin bei der Gesellschafter­versammlung bewerben. Waren Sie sich sicher, dass es klappt?
Ich wusste überhaupt nicht, wie es ausgeht. Das war aber auch meine Erwartungs­haltung an die Gesellschafter­versammlung. Ich bin jetzt auch Gesellschafterin, und da ist es mein Anliegen, dass das Unternehmen möglichst gut fort­entwickelt wird. Es gibt recht strenge und klare Vor­aus­setzungen, welche Qualifikationen man mit­bringen muss, um hier Mitglied der Geschäfts­führung zu werden. Mir war es wichtig, dies mit dem entsprechenden Bewerbungs­vor­gang zu dokumentieren.

Nach fünf Herren an der Spitze des Unternehmens ist Anna von Hinüber die erste Frau im Chefbüro.
Nach fünf Herren an der Spitze des Unternehmens ist Anna von Hinüber die erste Frau im Chefbüro. Foto: VBG/Alexandra Beier

Hat Ihr Vater sich für Sie stark­gemacht?
Im Gegenteil, er hat sich zurück­gehalten. Wenn wir etwas Neues entwickeln, halten wir uns an den Leit­satz: „Eine gute Sache verkauft sich von selbst.“ Das war auch hier unser Credo. Ich glaube, in diesem Fall haben die Gesellschafter gesehen, dass ich eine gute Ergänzung dar­stelle. Dass alles so gut klappt, findet er sicherlich gut. Welcher Vater freut sich nicht, wenn sein Lebens­werk fort­geführt wird?

Wie waren die Reaktionen der Belegschaft?
Ich denke, sehr wohlwollend. Mein Vorteil war, dass ich zu diesem Zeitpunkt ja bereits seit acht Jahren im Unter­nehmen tätig war und die Mitarbeitenden mich kennen­lernen konnten. So fern liegt es nicht, dass ein Familien­unter­nehmen in der sechsten Generation weiterhin in der Familie bleibt. Ich bin außer­dem nicht die Einzige, deren Eltern schon im Unternehmen tätig waren. Auch in der Belegschaft haben wir hier die dritte Generation an Mitarbeitenden.

Mit Ihrem Bruder, ebenfalls Mitglied der Geschäfts­führung, haben Sie im elterlichen Betrieb erstmals zusammen­gearbeitet. Ihr Vater arbeitet mit reduziertem Aufgaben­bereich weiter mit. Läuft alles reibungs­los?
Natürlich mussten sich die Prozesse erst einmal einspielen. Spannungen entstanden dort, wo die Zuständigkeiten nicht eindeutig waren. Nach etwa einem Jahr hatten wir uns gut abgestimmt, dennoch gibt es viele Über­schneidungen. Da wir in der Geschäfts­führung den Anspruch haben, Entscheidungen stets im Konsens zu fällen, wird nicht selten rege diskutiert. Dann gehen wir gern gemeinsam im Park spazieren. Sollten wir uns einmal nicht einigen können, gilt die Regel: „Wer die Verantwortung für den Bereich trägt, fällt letzt­endlich auch die Entscheidung und steht dafür gerade.“ Genauso läuft es auch mit meinem Vater, der sich sukzessive aus dem Unternehmen zurück­zieht. Aktuell reist er gemeinsam mit unserer Mutter auf dem Motorrad durch Chile.

Johannes Schmitt

Johannes Schmitt schrieb 1988 seine Doktorarbeit mit dem Titel „Entwicklung der Aufzugbranche von der Warenproduktion zum Dienstleistungsanbieter".

Foto: privat
Anna von Hinüber steht in einem Aufzug

Anna von Hinüber vergleicht ihre Tätigkeit als Unternehmerin mit einem Aufzug: „Es geht auf und ab.“

Foto: VBG/Alexandra Beier

Bald nähert sich Ihr fünfjähriges Jubiläum als geschäfts­führende Gesellschafterin. Worauf sind Sie stolz?
Ich möchte nicht von einem Werte­wandel sprechen, da mein Vater die gleichen Werte hat wie ich, aber da war schon eine gemeinsame Fort­entwicklung in der Führungs­kultur. Wenn ich mich umschaue, bin ich vor allem sehr stolz auf die fast 2.000 tollen Menschen, die mit uns arbeiten. Ich bin der Meinung, dass ein bestimmtes Arbeits­klima Menschen anzieht, die gut in dieses Klima passen, die ähnlich denken. Zudem habe ich Veränderungen herbei­geführt, die sich im Unternehmens­ergebnis spiegeln. Ein Kraftakt war zum Beispiel, die Vergütung der Mitarbeitenden auf eine ergebnis­orientierte Kompensation um­zu­stellen, anstatt sich wie gehabt nach dem Umsatz zu richten. Wir mussten das Vertrauen der Mitarbeitenden gewinnen und die Weichen für die Umsetzung stellen.

Anna von Hinüber packt die Dinge an.

Foto: VBG/Alexandra Beier

Hätten Sie sich rück­blickend besser früher im Familien­betrieb eingebracht?
Nein. Es ist meiner Ansicht nach sinnvoller, erst dann ins Familien­unter­nehmen ein­zu­steigen, nachdem man ander­weitig tätig war. Mir hat die Möglichkeit, mich zunächst nicht als „Tochter von …“, sondern ganz unabhängig davon zu bewähren, persönlich sehr viel gebracht. Ich habe nicht nur meine eigene Kanzlei aufgebaut, sondern vorher auch in anderen Kanzleien gearbeitet, auch im Ausland. Auch habe ich eine Zeit lang Gold für ein Unter­nehmen in Paris eingekauft – einfach, um meinen Horizont zu erweitern. Der Blick über den Tellerrand ist für unseren Betrieb sicherlich ein Zugewinn.

Sie haben selbst zwei Töchter. Würden Sie sich freuen, wenn diese irgendwann in Ihre Fuß­stapfen treten würden?
Ich möchte vor allem, dass meine Töchter glückliche Menschen werden. Wenn sie irgendwann Interesse am Unter­nehmen zeigen und die nötigen Qualifikationen mit­bringen, fände ich es auch für die Belegschaft schön, mit der Unter­nehmer­familie eine Konstante bei­zu­behalten. Hier Druck auf­zu­bauen wäre jedoch völlig falsch, denn auch ich hätte diesen Beruf nicht ausüben wollen, hätte mein Vater nur dies für mich vor­gesehen. Mein Vorteil war von Anfang an, dass ich vollkommen frei agieren konnte. Andern­orts ist es häufig so, dass die Patriarchen im Hinter­grund weiter­hin die Strippen ziehen und die offiziellen Nach­folgerinnen oder Nach­folger nicht ihren eigenen Weg gehen lassen. Mein Vater kann los­lassen, dafür bewundere ich ihn sehr.

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