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Mannschaftsarzt des FC St. Pauli
Foto: VBG/Jörn Pollex

M-Arzt-Verfahren„Die Intensität des Wettkampfs ist heute viel höher“

Nicht nur die Spieler des FC St. Pauli, auch deren Mannschaftsarzt Dr. Volker Carrero musste wegen des Coronavirus wochenlang die Füße stillhalten. Mit der Fortsetzung der Saison hieß es dann auf einmal: Endspurt! Im Interview spricht der Mediziner über die Freude über die Rückkehr auf den Fußballplatz, Verletzungen im Profisport und die Zusammenarbeit mit der VBG.

Herr Dr. Carrero, wie sah Ihre Arbeit in den vergangenen Monaten aus?
Da durch das Coronavirus der Spiel­betrieb der Profi­mannschaft des FC St. Pauli mehrere Wochen lang aus­gesetzt war, habe ich mehr Zeit in meiner Praxis verbracht. Denn neben meiner Tätigkeit als Mann­schafts­arzt bin ich außerdem Orthopäde in einer Gemeinschafts­praxis in der Hamburger Innen­stadt. Seit klar war, dass der Spiel­betrieb im Juni fort­gesetzt würde, haben wir auch beim FC St. Pauli wieder Vollgas auf dem Trainings­platz gegeben.

Sportmedizin ist Ihr Fach­gebiet. Was macht Ihnen denn mehr Spaß: die Arbeit in der Praxis oder auf dem Vereins­gelände?
Es gibt zwar auch einige Mannschafts­ärztinnen und Mannschafts­ärzte, die ihre Tätigkeit im Verein haupt­beruflich ausführen, doch die meisten sind zudem noch praktizierende Ärztinnen und Ärzte – wie ich. Ich würde weder das eine noch das andere missen wollen. Aber klar: Die Arbeit mit der Mannschaft fehlte mir natürlich schon.

Wie sieht Ihr Alltag als Mannschafts­arzt normaler­weise aus?
Ich bin im engen Austausch mit den Vereins­mit­arbeiterinnen und -mit­arbeitern, insbesondere natürlich mit dem Trainer­team, den Physio­therapeutinnen und Physio­therapeuten und natürlich mit den Spielern selbst. Für die Profi­mannschaft der Herren sind zwei Mannschafts­ärzte zuständig. Jeder von uns ist normaler­weise einmal wöchentlich für eine Sprech­stunde auf dem Vereins­gelände, um mit den Spielern ins Gespräch zu kommen und ihre Anliegen zu besprechen. Wir haben zum Beispiel auch zwei Vorträge zu dem Corona­virus gehalten und die Spieler auf die Veränderungen, die damit einher­gehen, eingestellt. Das ist insgesamt ganz viel Präventions­arbeit, um Erkrankungen oder Verletzungen zu vermeiden. Wenn ein Spieler doch verletzt ist, kümmere ich mich um die Behandlung und die Genesung.

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu den Spielern beschreiben?
Es besteht ein großes Vertrauens­verhältnis, das muss auch sein. Wir haben ja auch einige Spieler im Kader, die aus dem Ausland kommen und für die auch die medizinischen Abläufe in Deutschland und dann gerade im Profi­fußball neu sind. Da ist es ganz wichtig, dass jeder jedem vertraut. Durch mein Alter, ich bin 51, bin ich für viele auch ein wichtiger Ansprech­partner, worüber ich natürlich glücklich bin. Aber es ist natürlich eine sehr professionelle Beziehung – alle wissen, dass es bei den Entscheidungen auch um den Verein geht.

Das Training hat sich in den letzten Jahren immer weiter professionalisiert. Gibt es heute weniger Verletzungen als früher?
Das stimmt, die Arbeitsbedingungen haben sich stark verbessert – von der Qualität der Trainings­plätze bis hin zu ausgeklügelten Ernährungs­plänen. So etwas war früher eher hinter­gründig. Aller­dings sind die Verletzungen, vor allem kleinere Muskel-, Bänder- oder Sehnen­verletzungen, generell im Leistungs­sport eher mehr geworden. Das liegt daran, dass die Intensität des Wettkampfs heut­zu­tage viel höher ist. In jeder Sportart gehen die Athletinnen und Athleten dauerhaft bis an ihre Grenzen, da kommt es zwangsläufig zu Verletzungen. Umgekehrt könnte man sagen: Ohne professionelle Strukturen würden die Verletzungen bei dieser Wett­kampf­härte noch mehr und gravierender sein. Trotzdem möchte ich als Mannschafts­arzt natürlich, dass Verletzungen und Unfälle auf ein Minimum reduziert werden.

Hat sich denn die Erwartungs­haltung an das medizinische Personal geändert?
Ich denke schon, dass es mittlerweile eine andere Erwartungs­haltung und dadurch mehr Druck gibt. Aber das ist nicht unbedingt negativ, denn der Druck sorgt bei allen Beteiligten für die best­mögliche Leistung – auch bei uns. Und es ist auch eine Wert­schätzung für unsere Arbeit, wenn sich unsere Arbeits­bedingungen verbessern.

Eine Verletzung im Profisport kann die Athletinnen und Athleten weit zurückwerfen oder sogar ihre Karriere gefährden. Wie gehen Sie und die Spieler mit diesem Druck um?
Für mich als Arzt ist es eigentlich eine normale Behandlung wie bei anderen Patientinnen und Patienten auch. Ich muss immer maximal sorgfältig sein und die beste Behandlung für die Person einleiten – ob Profi­fußballer oder nicht. Für die Spieler sind schwerwiegende Verletzungen natürlich ungleich schlimmer – physisch und psychisch. Das alles wird von uns in unserer Behandlung berücksichtigt. Selbst nach schweren Verletzungen wie einem Kreuz­band­riss kommen die Spieler wieder zurück. Ein Karriere­ende nach einer Verletzung musste ich in meiner Laufbahn zum Glück noch nicht erleben.

Sie waren und sind auch als Mannschafts­arzt und medizinischer Betreuer in anderen Sport­arten aktiv. Worin unterscheidet sich die Arbeit für ein Fußball­team von der für ein Eis­hockey­team?
Die Unterschiede sind größer, als man vielleicht annimmt. Allein durch die unterschiedlichen Regeln ist die Betreuung der Mannschaften eine ganz andere. Während beim Fußball­spiel nur drei beziehungs­weise aktuell fünf Spieler­wechsel möglich sind, passieren diese beim Eishockey laufend. Wer also beim Fußball in der Start­formation steht, muss unbedingt fit sein, sonst ist der Wechsel praktisch schon verschenkt. Beim Eishockey können auch leicht verletzte Spieler oder Spieler nach einer Verletzung durch viele Kurz­einsätze wieder in den Rhythmus finden. Ein anderes Beispiel: Wenn sich ein Fußball­spieler das Innen­band im Knie reißt, fällt er etwa zehn Wochen aus, bis er wieder spielt. Ein Eishockey­spieler kann aber vielleicht schon nach drei Wochen wieder aufs Eis, weil er eine Schiene tragen darf, die auf dem Fußball­platz verboten ist. Die Verletzungen an sich ähneln sich allerdings schon – in der Regel sind die Muskeln oder Bänder betroffen. Und Verletzungen passieren im Sport natürlich immer wieder.

Wenn sich Verletzungen schon nicht ganz vermeiden lassen, wie optimiert man dann die Regeneration der Verletzten?
Wie gesagt, durch gute Präventions­arbeit lassen sich die Unfälle schon minimieren. Aber sicher: Ganz verletzungs­frei schafft der Kader es nicht durch die Saison. Deshalb muss es so sein, dass die verletzten Spieler optimal betreut und behandelt werden. Das geschieht ja nicht nur durch uns, sondern auch durch die VBG als zuständige Berufs­genossenschaft. Ich erinnere mich an einen Spieler, der – gerade aus dem Ausland zum FC St. Pauli gewechselt – verletzt ins Kranken­haus musste. Der Arzt hatte gerade erst einen Blick auf die Akte geworfen, da war schon eine Kollegin der VBG dort und hat sich um die Betreuung des Spielers gekümmert. Das zeigt, dass sich alle aufeinander verlassen können.

Wie sieht Ihre Zusammen­arbeit mit der VBG ansonsten aus?
Wir stehen als Verein mit der VBG in engem Kontakt – unter anderem mit den Sport­referentinnen und -referenten. Auf dem jährlichen Präventions­symposium Fußball trifft man sich und tauscht sich aus. Wir sind auch dankbar, dass wir ein Projekt zur Untersuchung von Gehirn­erschütterungen bei Sportlerinnen und Sportlern machen dürfen, das unter anderem von der VBG unter­stützt wird. Das kann auch für den gesamten Fußball­sport wichtig sein. Da ist die VBG sehr engagiert, um innovative Lösungen zu finden und zu fördern.

Wie geht es jetzt für Sie als Mannschaftsarzt während der Corona­virus-Pandemie weiter?
Die Spieler haben die letzten Wochen vor der Fortsetzung der Saison ein individuelles Programm absolviert, um selbstst­ständig fit zu bleiben. Dann durften wir langsam wieder in Klein­gruppen trainieren – nun wieder komplett. Dabei richten wir uns immer nach den geltenden Bestimmungen. Der Vorteil der Pause: Verletzte Spieler konnten ihren Rückstand wieder aufarbeiten. Gleich­zeitig mussten wir aufpassen, dass sie der Belastung auch stand­halten, denn der Spiel­rhythmus war mit der Fortsetzung direkt sehr intensiv.

Wie haben Sie die Spiele erlebt?
Natürlich haben wir alle darauf hingefiebert, dass es wieder losgeht. Aber klar ist auch: Es gibt Wichtigeres als Fußball. Es sterben noch immer Menschen auf der ganzen Welt an dem Corona­virus. Die Gesundheit genießt daher höchste Priorität. Doch der Fußball bringt auch ein Stück Normalität mit sich – auch ohne Fans in den Stadien. Wenn ich aber ehrlich bin: Ich freue mich immer noch am meisten auf die Fans, auf die Stimmung im Stadion, denn das ist beim FC St. Pauli ja auch etwas ganz Besonderes.

M-Arzt-Verfahren

Am 1. Januar 2016 startete die VBG das „Mannschafts­arzt-Verfahren“ mit dem Ziel einer Reduzierung der Anzahl und Schwere von Verletzungen im unfall­versicherten Sport. Das M-Arzt-Verfahren stellt eine Alternative zur durch­gangs­ärztlichen Behandlung (D-Ärztin oder D-Arzt) dar und sichert die weitere Betreuung der Berufs­sportlerinnen und Berufs­sportler – insbesondere für jene, die von Mannschafts­ärztinnen und -ärzten betreut werden, deren H-Arzt-Zulassung (H-Ärztin oder H-Arzt = an der Heil­behandlung beteiligte Ärztin oder beteiligter Arzt) zum 31. Dezember 2015 gemäß der neuen Regelung aus­gelaufen war. Um die berufs­genossenschaftliche Betreuung der Berufs­sportlerinnen und Berufs­sportler weiterhin auf höchstem Niveau sicher­zu­stellen, hat die VBG als Träger der Heil­verfahren das neue Verfahren implementiert. Für den M-Arzt bzw. die M-Ärztin ist neben infra­strukturellen und medizinischen Voraus­setzungen auch die Teilnahme an verschiedenen Kursen vorgesehen. Nachdem das M-Arzt-Verfahren als Modell­projekt begann, wird es nun in einen dauer­haften Prozess über­geleitet.

Weitere Informationen zum M-Arzt-Verfahren der VBG gibt es hier.

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