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Erste Hilfe Kasten
Foto: picture alliance

Hilfe für ErsthelfendeWie Unternehmen gut gerüstet für den Notfall sind

Erste Hilfe im Unternehmen will gut organisiert sein. Dr. Horst Reuchlein, VBG-Experte und Leiter des Fachbereichs „Erste Hilfe“ der DGUV, über Notwendiges und Nützliches.

Erste Hilfe leisten zu müssen kommt immer unverhofft. Was muss vorhanden, organisiert und vorbereitet sein, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Notfall tatsächlich handeln können?
Das Unternehmen ist verpflichtet, die personellen, sachlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Beschäftigten bei einem Arbeitsunfall oder einem internistischen Notfall, etwa bei einem Herzinfarkt am Arbeitsplatz, Erste Hilfe erhalten und eine erforderliche ärztliche Versorgung veranlasst wird. Wichtigstes Element der Ersten Hilfe sind ausgebildete und regelmäßig fortgebildete Ersthelferinnen und Ersthelfer. Darüber hinaus muss sichergestellt sein, dass entsprechende Mittel, beispielsweise Meldeeinrichtungen, über die ein Notruf abgesetzt werden kann, und ausreichend Erste-Hilfe-Materialien vorhanden sind. Zu den organisatorischen Maßnahmen in Bezug auf Erste Hilfe im Betrieb gehört die regelmäßige Unterweisung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über das richtige Verhalten bei Unfällen und über die richtige Nutzung der Erste-Hilfe-Einrichtungen.

Welche Notfälle treten erfahrungsgemäß am häufigsten während der Arbeitszeit auf?
Faktoren wie demografischer Wandel, längere Lebensarbeitszeit und die Zunahme von Zivilisationserkrankungen führen dazu, dass die Anzahl an internistischen Notfällen, so etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle, am Arbeitsplatz zunimmt. Die Zahl der „klassischen“ Arbeitsunfälle, zu denen Maschinenunfälle oder Schnittverletzungen mit starken Blutungen zählen, sinkt hingegen. Das liegt unter anderem an der konsequenten Umsetzung des Arbeitsschutzes. Die Auswertung von Notfalleinsätzen in diversen Unternehmen zeigt, dass mittlerweile rund die Hälfte der Einsätze auf akute Erkrankungen zurückzuführen sind. Die Anzahl internistischer Notfälle wird jedoch von den Unfallversicherungsträgern nicht erfasst, da diese in der Regel keine Arbeitsunfälle darstellen.

Horst Reuchlein

Dr. Horst Reuchlein weiß, wie wichtig eine gute und strukturierte Vorbereitung für den Ernstfall ist.

Foto: privat

Gibt es eine standardisierte Hilfe, die in dem jeweiligen Fall sofort erfolgen muss?
Einen besonderen Teil der Ersten Hilfe stellen die Sofortmaßnahmen dar, die bei lebensbedrohlichen Zuständen zu ergreifen sind. Diese umfassen das Absichern der Unfallstelle bei Berücksichtigung der eigenen Sicherheit, das Retten aus der Gefahrenzone, das Absetzen eines Notrufs, die Herz-Lungen-Wiederbelebung, Maßnahmen bei starken Blutungen sowie bei Schock und die stabile Seitenlage. Darüber hinaus ist eine ständige Betreuung und Zuwendung der verletzten oder erkrankten Person sehr wichtig. Gegebenenfalls ist auch die betroffene Person vor dem Auskühlen zu schützen.

Im Unternehmen muss es Ersthelfende geben, die wissen, was zu tun ist. Wie viele solcher handlungsfähigen Mitarbeitenden sollte jedes Unternehmen haben?
Das Thema „Ersthelfende im Betrieb“ ist im Arbeitsschutzgesetz sowie in der DGUV-Vorschrift 1, „Grundsätze der Prävention“, geregelt. In Bezug auf die Anzahl von Ersthelfenden gibt es konkrete Vorgaben: So muss in Betrieben bei bis zu 20 anwesenden Beschäftigten mindestens ein Ersthelfender zur Verfügung stehen. In Betrieben mit mehr als 20 anwesenden Beschäftigten sind dies im Verwaltungsbereich mindestens fünf Prozent und in sonstigen Bereichen, etwa in Produktionsbereichen, zehn Prozent der anwesenden Beschäftigten. Die Ersthelfenden sind unter Berücksichtigung der Art der Gefahren, der Struktur und der Ausdehnung des Betriebes so zu platzieren, dass bei einem Unfall eine Ersthelferin oder ein Ersthelfer in der Nähe ist und schnell eingreifen kann.

Wie wird man zum Ersthelfenden?
Bevorzugt geschieht dies auf freiwilliger Basis. Sowohl die Ausbildung zum Ersthelfenden als auch die Fortbildung umfassen jeweils neun Unterrichtseinheiten. Die Erste-Hilfe-Ausbildung legt den Schwerpunkt auf die Vermittlung von lebensrettenden Maßnahmen, beispielsweise bei Bewusstlosigkeit, sowie von grundsätzlichen Handlungsabläufen. Bei der Fortbildung können darüber hinaus branchenspezifische Themen und Schwerpunkte eingebracht werden. Ersthelfende müssen von zertifizierten Ausbildungsstellen ausgebildet werden.

Wie regelmäßig sind deren Kenntnisse zu schulen? Wir alle wissen ja vermutlich aus Erfahrung, dass die konkreten Hilfsmaßnahmen am Menschen doch schnell in Vergessenheit geraten.
Hierzu macht die DGUV-Vorschrift 1 entsprechende Vorgaben. So ist die Fortbildung von betrieblichen Ersthelfenden in der Regel in Abständen von zwei Jahren erforderlich.

Welche materielle Ausstattung, beispielsweise Defibrillatoren, sollte im Idealfall vorhanden sein? Und wer sollte sie bedienen können?
In jedem Betrieb ist es notwendig, ausreichendes Erste-Hilfe-Material zur Verfügung zu haben. Geeignetes Erste-Hilfe-Material enthalten zum Beispiel der kleine Verbandkasten nach DIN 13157 oder der große Verbandkasten nach DIN 13169. Auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung kann es erforderlich sein, medizinische Geräte vorzuhalten – so einen automatisierten Defibrillator. Eine Reihe von Betrieben schafft diesen auch ohne direkte Verpflichtung aus eigenen Beweggründen an, also wenn es etwa einen konkreten Todesfall im Betrieb gab. Auch wenn grundsätzlich ein automatisierter Defibrillator durch jede Person angewendet werden kann, sollte die praktische Anwendung des Defibrillators im Unternehmen vorzugsweise durch die betrieblichen Ersthelferinnen und Ersthelfer erfolgen.

Nun arbeitet ein nicht unerheblicher Teil von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern derzeit im Homeoffice. Dadurch sind zum einen weniger Menschen in den Unternehmen selbst, zum anderen aber auch weniger Ersthelfende. Stellt dies aus Ihrer Sicht ein besonderes Problem dar?
In einigen Betrieben ist dies eine besondere organisatorische Herausforderung. Es sollte aber versucht werden – auch in der jetzigen Situation –, die in der DGUV-Vorschrift 1 festgelegte Mindestanzahl zu erreichen. Ist dies aufgrund der aktuellen Situation, weil sich beispielsweise viele Beschäftigte in Kurzarbeit befinden, nicht möglich, soll das Unternehmen der vorgegebenen Anzahl an Ersthelfenden möglichst nahekommen. Der Unternehmer oder die Unternehmerin müssen sicherstellen, dass jederzeit unverzüglich Erste Hilfe geleistet werden kann.

Es ist wichtig, dass Ersthelfende auf mögliche Unfallszenarien vorbereitet sind.
Dr. Horst Reuchlein, VBG-Experte und Leiter des Fachbereichs „Erste Hilfe“ der DGUV

Erste Hilfe leisten zu müssen kann jeden treffen. Nicht immer ist davon auszugehen, dass jeder und jede Ersthelfende souverän damit umgeht – denken wir hier etwa an eine psychische Überforderung oder an die Sorge, mehr Schaden als Hilfe anzurichten. Wie kann man seine Belegschaft auf diese möglichen Belastungen vorbereiten?
Es ist wichtig, dass Ersthelfende auf mögliche Unfallszenarien vorbereitet sind. Dies kann im Rahmen von Erste-Hilfe-Fortbildungen erfolgen, bei denen – auf Wunsch des Unternehmens – die Bewältigung von speziellen Notfallsituationen trainiert werden kann. Ferner sollten Ersthelfende wissen, dass sie nicht mit rechtlichen Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie sachgerecht vorgehen. Das tun sie, wenn sie anwenden, was sie in der Erste-Hilfe-Ausbildung beziehungsweise -Fortbildung gelernt haben, und wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen handeln.

Die Coronavirus-Pandemie ist nach wie vor präsent und wird es auch noch eine ganze Weile sein. Könnte es sein, dass Ersthelfende etwa Skrupel vor der Mund-zu-Mund-Beatmung haben aus Angst, sich mit dem Virus anzustecken? Und was würden Sie hier raten?
Im Rahmen der Wiederbelebungsmaßnahme liegt es im Ermessen der handelnden Person, unter Beachtung des Eigenschutzes insbesondere bei unbekannten Hilfebedürftigen notfalls auf die Beatmung zu verzichten. Falls im Unternehmen eine Beatmungsmaske mit Ventil unmittelbar zur Verfügung steht, sollte diese verwendet werden. Betriebliche Ersthelfende sollten in Bezug auf die Beatmungsmaske entsprechend unterwiesen sein.

Müssen Erste-Hilfe-Leistungen in irgendeiner Form von Unternehmen protokolliert werden? Wenn ja, warum könnte dies wichtig sein?
Ja, jedes Ereignis, bei dem Erste Hilfe geleistet wurde, also auch der kleinste Unfall, muss aufgezeichnet werden. Zur Dokumentation kann das Verbandbuch oder der Meldeblock verwendet werden. Es ist auch möglich, die Dokumentation unter geeigneten Bedingungen elektronisch vorzunehmen. Diese Aufzeichnungen dienen als Nachweis, dass sich die Verletzung oder Erkrankung während der Arbeitszeit ereignet hat. Dies könnte wichtig sein, falls Spätfolgen eintreten sollten.

Ersthelfer erzählen

Jürgen Hirsch und Marcus Gaus haben in einer Notsituation im Betrieb als Ersthelfer alles richtig gemacht. Dafür wurden sie bei der Online-Verleihung des VBG-Präventionspreises am 8. Januar 2021 gewürdigt. Im Interview erzählen sie, wie sie anderen in einer lebensbedrohlichen Situation helfen konnten.

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