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Diedrich Bremermit Trainingstasche auf dem Treppenaufgang
Foto: VBG/Patrick Runte

Erweiterte Erreichbarkeit Vater und Vorgesetzter – beides in Teilzeit

Diedrich Bremer ist zweifacher Vater und Chef in Teilzeit, weil er sich nicht zwischen Karriere und Kindern entscheiden will. Wie funktioniert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zeiten von „New Work“ und erweiterter Erreichbarkeit? Mit klaren Regeln.

Surrend hebt die Mini-Drohne vom Boden ab, fliegt über den Kopf des kleinen Piloten. Sogar der Papa muss den Kopf heben, um ihr bis zur Kinderzimmerdecke zu folgen – dabei misst Diedrich Bremer 2,03 Meter. Die Drohne hat sich sein vierjähriger Sohn Johann zum Geburtstag gewünscht. Beide lieben Technik. Doch Diedrich Bremer ist kein Vater, der Johann und seiner sechsjährigen Schwester Luise nur Geschenke mitbringt und sonst nicht da ist. Wegen seiner Kinder arbeitet er weniger, beim Spielen mit der Drohne ist er aber dienstlich erreichbar. Das muss er auch sein: Als Bereichsleiter verantwortet er zehn Beschäftigte im internen Consulting bei der Otto Group in Hamburg. Bremer ist Vater und Chef in Teilzeit – und zufrieden damit. Sein Rezept: geregelte Erreichbarkeit.

Ausgeklügelter Wochenplan hilft

Transparenz und klare Regeln sind sein Rezept: Wenn mittwochs „Kinder abholen“ in seinem Kalender aufleuchtet, wissen seine Beschäftigten Bescheid. Erst ein Mal in drei Jahren stand Bremer mit Diensthandy am Ohr und Tochter an der Hand vor der Vorschule.

Transparenz und klare Regeln sind sein Rezept: Wenn mittwochs „Kinder abholen“ in seinem Kalender aufleuchtet, wissen seine Beschäftigten Bescheid. Erst ein Mal in drei Jahren stand Bremer mit Diensthandy am Ohr und Tochter an der Hand vor der Vorschule.

Foto: VBG/Patrick Runte

Wenn mittwochs „Kinder abholen“ in seinem Kalender aufleuchtet, wissen seine Beschäftigten Bescheid. Dann schicken sie dem Chef keine Termine und verschieben Anrufe auf später – außer es ist dringend. Der 38-Jährige und seine Frau haben beide eine 90-Prozent-Stelle bei Otto. Um Familie und Job zu vereinbaren, haben sie einen Wochenplan ausgeklügelt.

Montags arbeitet Bremer im Homeoffice, holt die Kinder spätestens um 16 Uhr ab. Dienstags übernimmt eine Babysitterin, damit beide länger arbeiten können. Mittwochs ist er an der Reihe, mit einem vorzeitigen Feierabend gegen 15 Uhr. Donnerstags kommt seine Frau früher von der Arbeit nach Hause. Freitags hat sie ihren Homeoffice-Tag.

Klare Regeln als gutes Rezept

Bremer hat klare Regeln: „Meine Mitarbeitenden akzeptieren, dass ich erst weiterarbeite, sobald meine Kinder schlafen.“ Vor ihm liegt ein Notizblock mit To-do-Listen und handgezeichneten Organigrammen, die er am Telefon besprochen hat. „Ist etwas oldschool, ich weiß. Aber ich habe für mich noch kein besseres Tool gefunden“, sagt er und lacht. Bremer spricht aus, was er denkt – und was andere sich nur zu denken trauen. Man nimmt es ihm ab, wenn er meint: „Ich sorge mich nicht, dass mir eine Kollegin oder ein Kollege meine Position streitig macht, nur weil ich ein Teilzeit-Chef bin.“ Seit sieben Jahren ist er Chef, die drei vergangenen in Teilzeit. „Es gab dafür nie negatives Feedback, aber viel Interesse an meinem Modell“, sagt Bremer.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag die Teilzeitquote von erwerbstätigen Männern mit minderjährigen Kindern im Jahr 2017 bei sechs Prozent – zum Vergleich: Bei den Frauen sind es 66,5 Prozent. Für Bremer und seine Ehefrau sind die 90-Prozent-Stellen das richtige Modell, um Job und Familie gleichberechtigt aufzuteilen. Sie planen ihre festen Tage um, wenn wichtige Arbeitstermine anstehen. „Flexibilität ist keine Einbahnstraße, das muss beidseitig funktionieren“, sagt Bremer. Auch wenn er sich abends noch an den Laptop setzt, sind Arbeit und Privates strikt getrennt.

Flexibilität ist keine Einbahnstraße, das muss beidseitig funktionieren.
Diedrich Bremer, Bereichsleiter im internen Consulting bei der Otto Group

„Unsere Handys wohnen im Erdgeschoss. Im Kinder- und Schlafzimmer sind sie tabu. Das haben wir eingeführt, weil wir dazu neigten, schon vor dem Duschen die ersten Mails zu checken.“ Das war vor allem in seinem vorherigen Job der Fall. Ein Leben auf Abruf ohne klare Regelungen für die Erreichbarkeit. Studien belegen, dass genau diese ungeregelte Erreichbarkeit ungesund sein kann.

Führungskraft als Vorbild

Diedrich Bremer arbeitet am Laptop, auf seinem Schoß sitzt sein Sohn

Zu Hause hat Bremer sich einen Homeoffice-Arbeitsplatz eingerichtet. Der kleine Johann haut schon wie Papa in die Tasten, aber eigentlich arbeitet der nur, wenn die Kinder schlafen.

Foto: VBG/Patrick Runte

VBG-Arbeitspsychologin Dr. Susanne Roscher sagt dazu: „Oft sind Beschäftigte über die Arbeitszeit hinaus erreichbar, obwohl der Chef dies gar nicht erwartet.“ Das weiß auch Bremer und schafft als Führungskraft Klarheit. „Wenn ich außerhalb der Bürozeiten noch Mails verschicke, schreibe ich oft in Klammern dazu, dass es nicht eilt“, erklärt der promovierte Betriebswirt.

Bremer ist ein Beispiel dafür, wie sowohl Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber als auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von der erweiterten Erreichbarkeit profitieren können. Er kennt beide Perspektiven. „Ich habe kein schlechtes Gewissen gegenüber den Kollegen, wenn ich mittwochs die Kinder abhole. Würde ich es nicht tun, hätte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kindern.“

Das VBG Factsheet zum Thema Erweiterte Erreichbarkeit

Flexibel und gesund arbeiten – weitere Informationen erhalten Sie hier

Drei Tipps für erweiterte Erreichbarkeit

1. Regelung

Sprechen Sie explizite Regeln ab, zu welchen Zeiten Sie erreichbar sind. Organisieren Sie Ruhepausen, in denen Sie abschalten können – nicht nur das Diensthandy, sondern auch die Gedanken.

2. Ausstattung

Sorgen Sie dafür, dass Ihre technische Ausstattung es außerhalb Ihres regulären Arbeitsplatzes möglich macht, jederzeit unkompliziert auf arbeitsbezogene Informationen zuzugreifen.

3. Vorbild

Als Führungskraft haben Sie eine Vorbildfunktion. Achten Sie auf die eigene Work-Life-Balance und leben Sie diese Ihren Beschäftigten vor.

Mehr Informationen finden Sie hier

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