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Personen in einer Sporthalle.
Foto: VBG/Thomas Eisenhuth

Deeskalation für Sicherheitskräfte„Die stärkste Waffe ist das gesprochene Wort“

Jürgen Wedding ist ein alter Hase, wenn es um das richtige Verhalten in kritischen Situationen geht: In 44 Dienstjahren bei der Polizei hat er unter anderem als SEK-Leiter viel erlebt. Jetzt schult er Sicherheitskräfte für die VBG. Im Interview erzählt er, worauf es im Ernstfall ankommt.

Herr Wedding, Sie haben eine lange Polizeilaufbahn hinter sich. Jetzt sind Sie im Ruhestand und geben Ihr Wissen weiter. Auf welche Erfahrungen greifen Sie zurück?
Ich war bei verschiedenen Spezialeinheiten, Ausbilder bei der GSG 9, Kommandoführer in Berlin, knüpfte internationale Kontakte auf Einsätzen mit US-amerikanischen, französischen und englischen Kollegen. Bis heute boxe ich, auch mit 79 Jahren noch. Außerdem habe ich Meistergrade in Judo, Aikido und Ju-Jutsu. All diese Erfahrungen sollen mit meiner Pensionierung doch nicht verloren gehen!

… zu denen auch einige schwere Einsätze zählen.
Allerdings. Wir waren im Antiterroreinsatz, sicherten Olympische Spiele und G20-Gipfel. Wir stellten Bankräuber, Hausbesetzer und Geiselnehmer, manchmal sogar unter Beschuss.

Coach Jürgen Wedding schult die Teilnehmenden in Theorie und Praxis, hier bei einem Kurs in Lautrach. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth
Coach Jürgen Wedding schult die Teilnehmenden in Theorie und Praxis, hier bei einem Kurs in Lautrach. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth
Unterstützung bekommt er von seinem Kollegen Stefan Lange. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth
Unterstützung bekommt er von seinem Kollegen Stefan Lange. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth
Die Teilnehmenden bekommen letzte Anweisungen vor den praktischen Übungen in der Turnhalle. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth
Die Teilnehmenden bekommen letzte Anweisungen vor den praktischen Übungen in der Turnhalle. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth

Und jetzt schulen Sie Sicherheitskräfte, etwa im Eingriffs- und Sicherungstechniken-Seminar der VBG. Was erwartet die Teilnehmenden?
Theoretische Grundlagen und viele praktische Übungen, die ich mit meinen Kollegen Stefan Lange und Uwe Claussen zeige. In erster Linie geht es um Selbstschutz: Man lernt, Gefahren zu erkennen und richtig zu reagieren. Es soll gar nicht erst zur Eskalation kommen.

Eigenschutz geht vor

Das Eingriffs- und Sicherungstechniken-Seminar legt den Schwerpunkt auf den Eigenschutz. Aufgaben und Einsatzort können erfordern, Gäste hinauszubegleiten – etwa aus der Disco, dem Bierzelt, dem Einkaufszentrum oder dem Bahnhof. Da hier generell im Team gearbeitet wird, ist das angebotene Seminar ein erster Schritt, Techniken zur Eigensicherung zu erlernen. Alle Teilnehmenden bekommen die Übungen als Film zum Training in der eigenen Firma mit.

Bevor diese Techniken erlernt werden, empfiehlt sich im Vorfeld das VBG-Deeskalationsseminar. Dieses ist im Seminarangebot unter dem Titel „Training im Umgang mit Konflikten“ zu finden. Es sollte die Basis sein für Mitarbeitende im Sicherheitsgewerbe, die mit Streitigkeiten zu tun haben, aus denen Konfrontationen entstehen können.

 

Wie läuft das Seminar ab?
Es dauert drei Tage: Zuerst unterrichten wir Eigensicherung und Verhaltensmuster. Wie spreche ich Menschen an, wie ziehe ich mich aus kritischen Situationen zurück? Wichtig dabei sind Vitalpunkte, also Körperstellen, die ich besonders schützen muss, damit ich nicht zu Boden gehe oder verletzt werde.

Deeskalationstraining

Abgewehrt: Die Teilnehmenden lernen, Angriffe zu parieren – bei schönem Wetter auch draußen.

Foto: VBG/Thomas Eisenhuth

Wie wird das konkret geübt?
Indem wir die Abwehr von Angriffen auf verschiedenen Distanzen trainieren: Schwinger, Haken, Uppercut und Attacken mit gefährlichen Gegenständen, etwa einer Flasche. Weiter geht’s mit Befreiungstechniken sowie einfachen Schlägen und Tritten. Den Abschluss bilden Transport- und Hebeltechniken, der Umgang mit der richtigen Ausrüstung wie Handfesseln und Handschuhen. Dabei werden verwendungsspezifische Handlungsmuster und Positionen geschult. Dazu zählt auch, übermäßige Gewalt zu vermeiden, die im schlimmsten Falle bei zu Boden gedrückten Personen zu einer Fehlhaltungserstickung führen kann.

Was sollten Sicherheitskräfte allgemein beherzigen?
Sie sollten wissen, wie ein Konflikt entsteht. Es gibt Signale in Gestik, Mimik und in der Stimme, die sich nicht nur beim Gegenüber ablesen lassen. Auch man selbst geht unmerklich in die Verteidigungshaltung – alles Zeichen der Zuspitzung.

Haben Sie dafür Beispiele?
Die Stimme wird konsequenter, höher, direkter, schriller. Der Blick verengt sich, Hände heben sich unmerklich. Dann geht’s mitunter schnell: Aus vermeintlich neutralem Auftreten kann plötzlich ein rechter Haken kommen. Hinterhältig. Davor möchten wir unsere Leute schützen. Unsere Teilnehmer haben oft Aha-Erlebnisse. Wir bekommen viel positives Feedback.

Aus vermeintlich neutralem Auftreten kann plötzlich ein rechter Haken kommen. Hinterhältig.
Jürgen Wedding, Seminarleiter

Angenommen, ich stehe jemandem gegenüber, der immer aggressiver wird. Wie verhalte ich mich?
Versuchen Sie, ruhig mit ihm zu reden. Bleibt das erfolglos, gehen Sie einen Schritt zurück. Abstand halten, mindestens zwei Armlängen. Dann können Sie noch reagieren. Bemühen Sie sich, das Gespräch so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Achten Sie auf Signale. Machen Sie sich eines klar: Die stärkste Waffe ist das gesprochene Wort.

Und wenn die Gegenseite zuschlägt?
Vorrang haben der Eigenschutz und das Verhindern von Verletzungen. Darauf bereitet Sie unser Grundlagentraining vor, mit Übungen, die etwa aus dem Boxsport stammen. Tauchen, Rollen, Ducken, Pendeln, Ableiten, Schrittdrehung, raus aus der Angriffsrichtung, dann ein Konter. Wir verwandeln motorische Reflexe in gezielte Verteidigung. Salopp gesagt: Wir machen Tanzschule!

Für wen eignet sich das Training?
Zu uns kommen alle möglichen Sicherheitsdienstleistenden, darunter Shopguards, Türsteher, Objekt- und Personenschützer. Wir unterrichten alters- und geschlechtsspezifisch und passen unser Training an. Auch Frauen und ältere Personen können bei uns viel lernen. Wir besuchen übrigens auch Betriebe, zuletzt etwa Stadionsicherheitsfirmen. Mindestens 15 Leute müssen dazu teilnehmen. Übrigens ein kostenloser Service für VBG-versicherte Unternehmen.

Ein Trainer zeigt einen Verteidigungsgriff.
„Wir machen Tanzschule”: Wedding und Lange zeigen die wichtigsten Griffe und Techniken. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth
Ein Sporttrainer zeigt einer Gruppe von Männern einen Verteidigungsgriff.
Gegenschlag: Zu ihrem Repertoire gehört auch die Abwehr von Angriffen mit Gegenständen. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth
Die Sportgruppe übt Verteidigungsgriffe.
Jetzt seid ihr dran: Die Teilnehmenden wenden das Gelernte sofort an. Foto: VBG/Thomas Eisenhuth

Muss man körperlich stark sein, um den Job als Sicherheitskraft ausüben zu können?
Nein. Eine gut ausgebildete Frau hat in bestimmten Situationen höhere Chancen als ein starker, aber untrainierter Mann. Gezielte Eigensicherung, taktische Überraschungsmuster, Techniken und Griffe können eine unterlegene Physis wettmachen.

Sind die Inhalte Ihres Seminars nicht ohnehin Teil der Ausbildung in Sicherheitsberufen?
Leider viel zu selten. Oft gibt es kein Training über die theoretische Ausbildung beim Unterrichtungsverfahren oder bei der Sachkundeprüfung nach Paragraf 34a hinaus. Das ist ein großes Problem. Umso dankbarer sind unsere Teilnehmenden für unseren Unterricht.

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